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Internet in der Corona-Pandemie:Das Virus legt die digitale Zweiklassengesellschaft offen

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Nicht jede Familie hat Zugriff auf Computer und Internet.

(Foto: Anthony Anex/dpa)

Das Internet macht gerade vieles erträglicher - aber nur für diejenigen, die es nutzen. Die digitale Spaltung wird zum drängenden sozialen Problem.

Hilfsangebote, Kulturelles, Treffen mit anderen - in der Krise wird vieles davon im Netz organisiert. Das Internet hat das Potenzial, aus sozialer Distanz nur eine physische zu machen. Das ist gut für alle, die onlineaffin sind. Aber es ist schlecht für alle, die aus diversen Gründen nicht oder nur eingeschränkt aufs Internet zugreifen oder damit nicht kompetent umgehen können. In einer Zeit, in der manche jubeln, dass Deutschland nun endlich digital werden muss, sollte man jene nicht vergessen, die dabei auf Hilfe oder analoge Alternativen angewiesen sind. Andernfalls wird ein Phänomen verstärkt, das schon lange problematisch ist: der "Digital Divide".

Der Fachbegriff - zu Deutsch: digitale Kluft - bezog sich ursprünglich vor allem auf die Infrastruktur. Zugang zu Computern und dem Internet hatten global betrachtet nur wenige, privilegierte Menschen. Sie hatten so einen medialen Wissensvorsprung, entscheidend für das persönliche Vorankommen, die politische Bildung und Beteiligung. Heute wird der Begriff viel weiter gefasst. Weltweit sind rund 60 Prozent der Internetseiten auf Englisch verfasst, wer die Sprache nicht spricht, ist raus. Viele Websites sind nicht barrierefrei gestaltet, wenige sind in einfacher Sprache gehalten, auch das schließt Menschen, oft Bedürftige aus. Und auch in der Medienkompetenz gibt es große Unterschiede. Wem es am Wissen, am Leseverständnis oder an technischen Fähigkeiten fehlt, bewegt sich weder sicher, noch gleichberechtigt im Netz.

Gerade letzteres dürfte in der Krise besonders offenbar werden. Schon jetzt zeigt sich: Schulkinder, die nun allein und mit digitalem Unterrichtsstoff arbeiten sollen, sind dann benachteiligt, wenn ihre Eltern sie dabei nicht unterstützen können. Auch hat nicht jede Familie gleichermaßen Zugriff auf einen Computer und Drucker. Damit fallen die hinten runter, die Zuspruch am nötigsten haben.

Das zeigt sich auch bei den Soforthilfen für Selbständige und Unternehmen. Die Förderbank N-Bank etwa bittet alle Kreditsuchenden, die nötigen Anträge digital und nicht per Post einzureichen. Der Aufwand für die manuelle Eingabe der Daten sei sonst zu groß, Handschriftliches werde nicht bearbeitet. Aus Sicht einer Institution, die schnell helfen möchte, ist das nachvollziehbar. Aber auch hier gilt: Nicht alle Softwareprodukte sind kompatibel. Nicht überall ist die Netzverbindung gleich gut. Bei manchen Menschen gibt es eine generelle Sprachbarriere; andere sprechen zwar gut Deutsch, aber nicht gut genug Amtsdeutsch. Die Konsequenz: Ein Teil der Antragsteller reicht fehlerhafte Unterlagen ein, andere scheitern an der elektronischen Übermittlung - das dringend benötigte Geld kommt nicht oder deutlich später. Und Internetbetrüger haben mit gefälschten Websites Erfolg.

Jahrelang haben öffentliche Stellen ihre Kunden nicht gerade dazu eingeladen, digitale Dienste zu nutzen. Da ist etwa die Deutsche Rentenversicherung, bei der man zwar Anträge elektronisch ausfüllen und übermitteln kann, aber Anlagen weiter per Briefpost nachsenden muss. Andere Behörden stellen auf ihre Websites pdf-Dateien in alter Version, die die Bürger herunterladen, unterschreiben und wieder einscannen müssen. Dabei gibt es längst Technologien, die von Hand ausgefüllte Formulare auswerten und einlesen können, und die elektronische Signaturen akzeptieren. All das würde die Mitarbeiter entlasten und die Verwaltung verschlanken. Man muss halt neue Technologien kaufen und nutzen. Jetzt, unter Druck, klappt das nicht. Anders ausgedrückt: Programmiere in der Zeit, so hast du in der Not.

Die Kommunikation zwischen Bürgern und Behörden muss besser werden

Trotzdem soll dies kein Plädoyer für ein komplett digitales Deutschland sein. Solange es Unterschiede in der Nutzung und dem Zugang zum Internet gibt, solange Behörden noch keinen durchgängigen Standard bieten können, muss es weiterhin Alternativen geben.

Auch wenn sich die allermeisten öffentlichen Stellen zurzeit um schnelle Lösungen wirklich sehr bemühen - nach dem Ende der Krise wird darüber zu reden sein, wie die Kommunikation zwischen Bürgern und Behörden besser gestaltet werden kann. Digitale Wege müssen endlich ausgebaut werden. Und zwar so, dass zumindest eine große Mehrheit in der Lage ist, sie zu nutzen: in verständlicher Sprache, mit Übersetzungen und Anleitungen, mit sicherer Übermittlung und auf dem aktuellsten technischen Stand. Genauso muss sichergestellt sein, dass es noch andere Wege gibt, handschriftlich, mit persönlicher Beratung, per Briefpost.

Der Ausdruck "digitale Spaltung" hört sich zwar nach einem technischen Problem an, ist aber vor allem ein soziales.

© SZ vom 14.04.2020/jab
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