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Computerspiele:Wenn Soldaten Egoshooter zocken

Nato-Kampfeinsatz in Afghanistan endet

Ein Soldat der Bundeswehr beobachtet in Afghanistan von einem Beobachtungsturm die Umgebung des Feldlagers. (Archiv)

(Foto: picture alliance/dpa)

Was andere in Videospielen erleben wollen, ist für Soldaten Realität. Sie erzählen, wie sie Beruf und Gaming voneinander trennen.

"Achtung, von rechts kommt einer", "gib mir Deckung", "ich hab' ihn!" Auf zusammengeschobenen Tischen stehen zehn Laptops, Kabel liegen herum, die Spieler starren auf ihre Bildschirme, sie spielen den Egoshooter Call of Duty. Was aussieht wie eine ganz normale LAN-Party findet nicht in einem deutschen Wohnzimmer statt. Sondern in einem Lager der Bundeswehr in Afghanistan. Die Soldaten werden aus ihrem Spiel gerissen, als eine Rakete über das Lager fliegt. Der echte Kampf da draußen, der Kampf im Laptop: Erst später wird ihnen bewusst, wie seltsam das ist.

"Wir haben gespielt, um uns abzulenken, um der Realität ein bisschen zu entfliehen", sagt einer von denen, die damals in Afghanistan dabei waren. Er ist mittlerweile Oberstleutnant, Panzergrenadierbataillon. In der Kaserne und im Einsatz vertreibt sich jeder Soldat anders die freie Zeit, für viele gehören Videospiele dazu. In den Gemeinschaftsräumen der Soldaten stehen Fernseher, Playstation, Controller. Aber wie beeinflusst der Beruf des Soldaten die Spielgewohnheiten? Wie denken sie über die Spiele, in denen geschossen und getötet wird?

"Soldaten sind in Videospielen oft die strahlenden Helden", sagt Fabian Siegismund. Er war zwei Jahre bei der Bundeswehr, arbeitet als Youtube-Berater und Gaming-Experte. Er sagt, Spiele könnten Soldaten die Sorgen nehmen, dass ihnen im Einsatz etwas passieren könnte: "Bei den meisten Games übersteht und überlebt der Held ja alles." Er sieht die Gefahr, dass Spiele dadurch eine Scheinwelt für Soldaten aufbauen. Problematisch sei das gerade für diejenigen, die sich noch in der Ausbildung befinden und die echte Welt des Krieges noch nicht erlebt habe.

"Wenn ich erschossen werde, komme ich nicht wieder"

Alex Richter (Name geändert) hat sich gerade noch bequem im Stuhl des Offizierheims zurückgelehnt, nun beugt er sich abrupt nach vorn, seine Augen verengen sich: "Wer nicht mehr unterscheiden kann, ob es ein Spiel ist oder real, sollte das Spiel an den Nagel hängen." Der 28-Jährige ist Panzergrenadier, zweimal war er für die Bundeswehr schon im Einsatz, das letzte Mal 2013, Afghanistan. Spiele hat er schon vor seiner Zeit beim Bund gespielt. Sobald er den Controller in die Hand nehme, tauche er ab in die Spielewelt, sagt er.

Richter spielt alles Mögliche, von Autorennen über Egoshooter bis zu Rollenspielen. Er ist Vater einer kleinen Tochter, freie Zeit verbringt er gerade viel mit seiner Familie. Wenn er heute zockt, dann meistens den Strategie-Shooter Rainbow Six, früher war es viel Call of Duty, auch im Einsatz. In Call of Duty, wie bei vielen anderen Shooter-Spielen, steht der Spieler immer wieder auf, auch wenn er im Spiel stirbt. Richter sagt: "In der Realität ist das nicht so, wenn ich erschossen werde, dann komm' ich nicht wieder, das sollte man immer im Kopf behalten."

Info

Dieser Artikel ist Teil des Projektes grenzgamer.com, in dem sich vornehmlich Schüler der Deutschen Journalistenschule mit Grenzen in und um Games auseinandersetzen.

Das Spielen im Einsatz fand er nie komisch, brachte es nie mit seinem Beruf in Verbindung: "Wenn man 24 Stunden draußen rumgondelt oder mal 'ne Woche unterwegs ist und dann wieder ins Lager kommt, spielt man einfach, um abzuschalten." Es klinge vielleicht makaber, aber es sei einfach nur eine Freizeitbeschäftigung.

Zocken Bundeswehrsoldaten anders?

Auch Gaming-Fachmann Siegismund warnt, dem Spielen zu viel Bedeutung beizumessen. Früher habe man bei Gewalttätern sofort aufgehorcht: Wenn einer Egoshooter spiele, müsse es doch einen Zusammenhang geben. Heute mache das niemand mehr: "Weil einfach so viele Leute spielen." Siegismund hat selbst immer gespielt, auch in der Kaserne in Uniform, das militärische Strategiespiel Command and Conquer. Seine Leidenschaft fürs Gaming habe sein Können als Reserveoffizier beeinflusst: "Durch das viele Computerspielen war ich reaktionsschnell." Wenn sie beim Gefechtsschießen unter Stress durch den Wald laufen und Pappkameraden treffen mussten, sei er von Anfang an besser gewesen als altgediente Feldwebel.

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Panzergrenadier Richter hat etwas anderes an sich selbst beobachtet: "Ich denke durch meine Ausbildung anders im Spiel, sehe eher das taktische Vorgehen." Er schmunzelt, früher sei er mit seinem Spieler einfach planlos losgerannt. "Jetzt überlege ich mir vorher, gehe ich links rum oder rechts rum, welches Fenster nehm' ich, wie geh ich vor, welche Waffe nehm' ich."

Echte Panzer, fiktive Panzer

Ein Panzer rollt über die Wiese, neun Soldaten sitzen darin, die Luft ähnelt einer Sauna nach dem Aufguss. Absetzen, Kampf durchführen, aufsitzen, weiterfahren. Das richtige Verhalten der Soldaten wird immer und immer wieder in Übungen trainiert, auf der Wiese, im Wald, manchmal aber auch im Simulator. Im Einsatz steht der Panzergrenadier oft unter Beschuss, berichtet ein Berufssoldat, der schon sieben Einsätze mitgemacht hat. Um eine Kolonne aufzuhalten, werde meist zuerst auf die Panzerfahrzeuge geschossen.

Auch in ihrer Freizeit fahren viele Mitglieder des Bataillons Panzer - mit World of Tanks. In dem kostenlos verfügbaren Game tragen Spieler Panzergefechte des zweiten Weltkrieges aus. Richter gesteht: "Ich google schon mal die anderen Panzer und schaue, wo die ihre Schwachstellen haben." Durch die Ausbildung der Bundeswehr mache er sich mehr Gedanken: "Wo ist die Panzerung am stärksten, wo kann ich durchschießen?" Also nicht anders als bei einem Kfz-Mechaniker, der Autorennen spielt oder einem Landwirt, der sich für das Spiel Landwirtschaftssimulator begeistert?