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Bücher zur Digitalisierung:Rückkehr zum Geist

Carl Benedikt Frey: Technology Trap. Capital, Labor and Power in the Age of Automation. Princeton University Press, Princeton 2019. 456 Seiten, 24,99 Euro.

In der digitalen Debatte geben seit einiger Zeit europäische Bücher einen neuen Ton an. Das hat mit der Stärke der Geisteslwissenschaften in Europa zu tun - und mit deren Krise in den USA.

Am kommenden Freitag wird der Soziologe und Gesellschaftstheoretiker Armin Nassehi im Rahmen der Frankfurter Buchmesse auf dem "Blauen Sofa" des Fernsehsenders ZDF mit dem Moderator und Philosophieprofessor Gert Scobel über sein Buch "Muster - Theorie der digitalen Gesellschaft" sprechen. Das Buchmessen- Gespräch wird einen Ruck in der digitalen Debatte akzentuieren, welcher derzeit die Natur- und Technikwissenschaften mit den Geisteswissenschaften versöhnt. Und der dazu führt, dass die interessantesten Bücher dieser Debatte in Europa erscheinen.

Der Ruck hat eine gewisse Dringlichkeit. Mit den Automatisierungsprozessen der künstlichen Intelligenz (KI), den immer greifbareren Möglichkeiten der Quantencomputer und den Fortschritten bei der Entwicklung von Robotern und Sensoren, wird die nächste Stufe der Digitalisierung sehr viel mehr Aspekte des Lebens und des Alltags erfassen als die vorangegangene, die der Menschheit das Internet beschert hat. Vor allem aber wird die KI das Verhältnis von Mensch und Maschine neu ordnen. War die Maschine bisher immer nur Werkzeug, so wird sie, sobald sie selbst lernen und auf dem Selbsterlernten Entscheidungen fällen kann, zum Begleiter. Die Fragen, die sich damit stellen, können Naturwissenschaft und Technik nicht mehr alleine beantworten, die Geistes- und Gesellschaftswissenschaften sind gefordert. Dadurch verschiebt sich das Debattenzentrum von Amerika nach Europa, was vor allem aus dem Umgang amerikanischer Hochschulen und Institute mit den Geisteswissenschaften resultiert.

Sarah Spiekermann fordert eine Ethik, die dem Fortschritt standhalten kann

Geisteswissenschaften gelten dort als "soft skills", als Studien- und Forschungsfelder ohne direkten Nutzen. Was vor allem heißt, man kann das alles nicht monetarisieren. An vielen Universitäten hat das zu einem Mangel an Geldern und Personal geführt. Warum sollte man auch Philosophie studieren, wenn man mit einem technischen Abschluss der Stanford University oder dem MIT nicht nur die Garantie auf einen Job, sondern auch auf ein hohes Einkommen bekommt?

Weil KI-getriebene Maschinen, egal, ob Pflegeroboter oder soziales Netzwerk, aber nicht nur funktionieren, sondern sich auf ihre eigene Weise auch verhalten, werden sie die Gesellschaften noch sehr viel deutlicher prägen als die letzten Generationen der Technologien. Gerade deswegen ist ein Buch wie Armin Nassehis "Muster" so wichtig, auch wenn es die Leser mit seiner akademischen Sprache erst einmal fordert. Denn Nassehi hat die Muster, die in der Gesellschaft immer schon angelegt waren, als strukturelle Oberfläche der Mustererkennung und -verarbeitung digitaler Technologien mit Brillanz analysiert.

Vor diesem Hintergrund gibt es derzeit noch ein paar andere Bücher europäischer Autoren, die Pflichtlektüre sind. Dazu gehört "Digitale Ethik - ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert" der Wirtschaftsinformatikerin Sarah Spiekermann von der Wirtschaftsuniversität Wien. Wobei Titel und Institut davon ablenken, dass hier die Geisteswissenschaften und die abendländische Ideengeschichte ins Feld geführt werden, um der digitalen Debatte ein Fundament aus Ethik zu geben.

Carl Benedikt Frey: Technology Trap. Capital, Labor and Power in the Age of Automation. Princeton University Press, Princeton 2019. 456 Seiten, 24,99 Euro.

So geht sie in ihrem Kapitel "Die Wurzeln unseres negativen Menschenbildes" bis zu Martin Luther, Thomas Hobbes und Jean-Jacques Rousseau zurück, um deutlich zu machen, dass die Hybris des Silicon Valley keineswegs in den anti-intellektuellen Echokammern des Silicon Valley, sondern in den Grundlagen des westlichen Denkens wurzelt. Es sei aber gerade diese Hybris und Arroganz des digitalen Herrschaftswissens, die den Fortschritt immer wieder in die falsche Richtung gelenkt hätten. Weil das Digitale aber gar nicht in der Lage sei, die menschliche soziale Realität und die Wertewelt, welche die Menschen bestimmt, abzubilden, sei es eben nicht nur ein technischer Fortschritt, der sich da vollziehe, sondern zugleich auch ein gesellschaftlicher Rückschritt.

Hochverrat an der Idee von einer besseren Welt

Sarah Spiekermann analysiert aber nichtnur mit der intellektuellen Präzision der Geisteswissenschaften. Sie entwickelt zudem aus ihren Erkenntnissen klare Forderungen. Etwa nach Bildung und Wissensproduktion, die den Menschen an die Spitze der Erkenntnispyramide stellen. Nach kritischem Umgang mit dem Fortschritt. Und vor allem nach einem Wertekanon, der eine Ethik für die Anforderungen der Zukunft möglich macht, die so robust ist, dass sie auch Entwicklungen standhält, die man heute noch gar nicht absehen kann.

Bei aller Skepsis, die sich durch ihr Buch zieht, bleibt immer klar, dass sich Fortschritt nicht aufhalten lässt und dass dies kein sinnvolles Ziel sein kann. "Digitale Ethik" ist deswegen im Subtext auch ein Plädoyer für eine Vereinigung aller Disziplinen, um der Zukunft zu begegnen.

Nicht alle sind so grundsätzlich optimistische wie Spiekermann. Die Automatisierung als eigentliche Gefahr der nächsten Digitalisierungswelle spricht sie durchaus an. Doch im geschichtlichen Kontext, den der schwedische Wirtschaftshistoriker Carl Benedikt Frey von der Oxford University in seinem Buch "The Technology Trap - Capital, Labor and power in the Age of Automation" aufstellt, steckt ein zutiefst pessimistischer Kern. Noch gibt es das Buch nur im englischen Original, aber es ist anzunehmen, dass es in diesen Tagen auf der Buchmesse einen deutschen Verlag findet.

Sarah Spiekermann: Digitale Ethik. Ein Wertesystem für das 21. Jahrhundert. Droemer Knaur Verlag, München 2019. 304 Seiten, 19,99 Euro.

Die Entwicklung der Automatisierung während der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts beschreibt Frey mit der Differenzierung des Historikers. Immerhin brachten die Maschinen ja nicht nur wirtschaftlichen Fortschritt auf Kosten der meisten, sondern auch gesellschaftliche Befreiungsmomente, die den Weg für die Emanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts und die Demokratisierung des Wohlstandes im Mittelstand ebneten.

Die neue Automatisierungswelle durch Digitalisierung und KI sieht Frey allerdings als Motor einer Rückentwicklung, die zu einer neuen Polarisierung der Gesellschaften und zur Erosion des Mittelstandes führen könnte. "Demokratie und Mittelstand - eine sehr kurze Geschichte" lautet der Titel eines Kapitels, der seinen Pessimismus auf den Punkt bringt.

Die Euphoriker der Digitalisierung werden diese Bücher sicherlich meiden. "Kulturpessimismus" ist im Silicon Valley und seinen globalen Ablegern eine Art Hochverrat an der großen Idee von einer besseren Welt. An den Schlüsselstellen aber, an denen es darauf ankommt, sind die Geisteswissenschaften als Regulativ zu den Natur- und Technikwissenschaften schon auf dem Radar. Beim "Sci Foo Camp", einem jährlichen Ideenfestival auf dem Google Campus, sind seit dem vergangenen Jahr Geisteswissenschaftler geladen. Und auch in den Konzernzentralen selbst steigt das Interesse an den lange vernachlässigten Disziplinen. Die Motive mögen dort wirtschaftlicher Natur sein. Doch im Endeffekt geht es auch dann um Erkenntnis.

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