Erweiterte Realität Was nicht ist, kann ja schon mal gewesen sein

Der Lindley-Avatar, der vom Hamburger Denkmalschutzamt entwickelt wurde, wirkt wie eine Charles-Dickens-Figur, wenn er an drei Punkten der Stadt aus einem blauen Viereck auf dem Boden erscheint und seine Erklärungen beginnt.

(Foto: Anke Leitzgen)
  • Mit der sogenannten Augmented Reality können virtuelle Figuren in eine echte Umgebung eingebunden werden.
  • So können zum Beispiel Museen historische Figuren dort auftauchen lassen, wo sie früher tatsächlich lebten.
  • Das Hamburger Denkmalschutzamt hat nun eine entsprechende App für Stadtführungen entwickelt.
Von Till Briegleb

Man hat sich ja an eine Menge merkwürdige Verhaltensweisen gewöhnt, die Menschen im Bann der Kommunikationstechnik an den tag legen. Liebespärchen in der Umarmung, die beide hinter dem Rücken des Partners auf ihr Smartphone starren, Leute, die zu Hause eine Box namens "Alexa" ansprechen, oder Touristen, die von Klippen fallen, weil sie ein spektakuläres Selfie machen wollten. So wird man sich wohl auch an die nächste Generation Smartphone-Zombies gewöhnen, die wild mit ihrem Taschencomputer in der Luft herumfuchteln, als ginge es darum, störrische Geister einzufangen, die allerdings nur sie sehen. Denn so muss es von Außen erscheinen, wenn "Augmented Reality" (AR) sich als neue Anwendung für die isolierte Stadtführung mit Handy durchsetzt.

Die Vision gilt schon länger als verlockend. Und in der Vorstellung macht AR ja auch durchaus Sinn, gerade für Lehrerinnen und Lehrer, die sich das genervte Aufstöhnen der Snapchat-Generation ersparen wollen, wenn es um Ausflüge in die richtige Welt geht. Eine App mixt vor Ort die Bilder der Handy-Kamera von echten Ruinen, Kirchen, Häusern und andern Schauplätzen mit bewegten historischen Animationen, lustigen Erklär-Avataren, Spielszenen sowie weiterführenden Links, so dass Geschichte im Marvel-Modus erlebbar wird. Doch obwohl immer wieder Marketingfachleute versprechen, dass diese Mixed Reality die Zukunft für alles Mögliche sei - wobei lediglich mit dem Spiel "Pokemon Go" vor zwei Jahren eine sehr erfolgreiche Version der "erweiterten Realität" gelang - warten entnervte Lehrer bis heute auf den digitalen Beistand für die Klassenreise.

Zeitgeist Wem gehört die digitale Stadt?
Öffentlicher Raum

Wem gehört die digitale Stadt?

Virtuelle Werbung am Himmel, im Park, auf der Straße? Mit "Augmented Reality"-Technik wird der öffentliche Raum zum Marktplatz umgebaut. Es wird Zeit, sich dagegen zu wehren.   Von Philipp Bovermann

Doch es gibt ja noch William Lindley. Der Mann war einst dafür verantwortlich, dass Hamburger ihre Nachttöpfe nicht mehr aus dem Fenster kippen mussten und Trinkwasser ohne Cholera-Erreger aus dem Wasserhahn floß.

Der englische Ingenieur, der nach dem Großen Brand von Hamburg 1842 die Stadt sanitärtechnisch auf Weltniveau hob, mit Kanalisation, Leitungssystemen und technischen Großbauten, ist vielleicht kein echter Glamour-Star für eine digitale Stadtführung. Aber als Technik-Pionier für ein Pionierprodukt des pädagogischen AR-Einsatzes, das vom Hamburger Denkmalschutzamt entwickelt und dieser Tage veröffentlicht wurde, erscheint er auch nicht so verkehrt.

Mit braunem Gehrock und Zylinder wirkt der Lindley-Avatar wie eine Charles-Dickens-Figur, wenn er an drei Punkten der Stadt aus einem blauen Viereck auf dem Boden erscheint und seine Erklärungen beginnt. Mit englischem Akzent führt er beim Hauptbahnhof in eine 1855 eröffnete, nun virtuell erscheinende Badeanstalt am ehemaligen Schweinemarkt. Oder er erklärt am Jungfernstieg das Prinzip der kommunizierenden Röhren, mit dem das Wasser aus dem Umland in die Häuser gepumpt wurde, begleitet von Volksjubel und Klospülungsgeräuschen.

Die App zeigt, wie schön die Stadt mal aussah

Als Softwaretester ist man mit dem kostenlosen Outdoor-Produkt dennoch schnell in Nörglerlaune, weil es zahlreiche Kinderkrankheiten zeigt: etwa dramatische Akkuentladung, Ton- und Bewegungsprobleme und fehlende Hinweise, ob die Vorführung noch weiter geht oder nicht. Und die Verrenkungen, die man auf der Straße bei der Verfolgung des Lindley-Gespenstes abliefert, machen den Nutzer-Pionier ein wenig zum Affen.

Aber für einen Blick durch den Türspalt, wie Denkmalschutz, Architektur und Stadtentwicklung zukünftig mit Mixed-Reality-Illusionen arbeiten könnten, reicht dieser optimierbare Eindruck der App allemal. Historische Gebäude und Quartiere lassen sich vor Ort über die Gegenwartsarchitektur blenden - auch wenn damit eventuell ein nostalgischer Zorn über verlorene Stadtschönheit zum Kochen gebracht wird. Als Tourismusevent lässt sich das in Köln und Dresden schon bei virtuellen Stadtrundfahrten erleben, die das "Alde Göln sur Kaiserzeit" oder "Drösden" im Barock zeigen, allerdings mit Virtual-Reality-Brille stationär in einer Straßenbahn- oder Kutschen-Attrappe.

Als Marketingistrument kam die 3-D-Prophezeiung schon zum Einsatz, wie beim Frankfurter Römer-Quartier, wo ein virtueller Spaziergang durch die neu entstehende Altstadt vor Fertigstellung jedes Detail des umstrittenen Quartiers erlebbar machte. Aber wirklich interessant wird diese Technik, wenn sie vor Ort einsetzbar ist wie die Lindley-App. Das würde den Vergleich von realistisch animierten Architekturentwürfen am Bauplatz für partizipative Verfahren erlauben. Auch Mitsprache bei großen Stadtentwicklungsvorhaben wäre nicht mehr allein auf Pläne angewiesen, die dem Laien enormes Abstraktionsvermögen abverlangen. Visualisierungen direkt im Stadtgebiet könnten eine demokratische Diskussion über Veränderungen sehr beflügeln.

Die Entwicklung kostet viel Geld

Gleichzeitig liegt in der optischen Überwältigung auch ein negatives Verführungspotenzial, wie es Projektentwickler bereits heute mit konventionellen Renderings zu erreichen versuchen. Wenn zukünftig kurzberockte Models, fröhliche Kinder und bärtige Hipster eine heile Immobilienwelt sonnenbestrahlter Architekturfantasien auch noch in bewegter Form vor Ort vortäuschen, dann steigert die AR-Präsentation eventuell nur den Lügenfaktor solcher Projekte, die nach Fertigstellung oft eher kalt, leer und abweisend aussehen.

Leider besitzen gerade private Investoren viel eher die Mittel, um Augmented Reality einzusetzen. Die Entwicklungskosten der William-Lindley-App lagen im "oberen fünfstelligen Bereich", wie Andreas Kellner, der Hamburger Leiter der Denkmalschutzamtes sagt, und diese Mittel waren nur aufzubringen im Rahmen des Europäischen Kulturerbejahres 2018 und als Pilotprojekt. Weitere Avatare sind deswegen momentan auch nicht geplant.

Und so kann es auch diesem vielversprechenden Anstoß für kulturelle Lerneffekte ergehen wie so vielen Unternehmungen im Bereich der Virtuellen Realität. Seit den Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts bemühen sich VR-Entwickler, eine visuelle Revolution für den Alltag zu entfachen. Sie produzieren im Kennlernstadium grandiose Ideen und große Versprechungen, und scheitern dann aber an den unumgänglichen Produktionskosten und am Markt. Selbst heute sieht die Hamburger AR-App immer noch aus, als wäre der Denkprozess gerade erst begonnen worden. Vermutlich braucht es einen William Lindley der App-Entwicklung, damit Mixed Reality wirklich ein Instrument wird, das allen dient und Demokratie fördert.

Technologie Das nächste große Ding nach PC und Internet

Virtuelle Realität

Das nächste große Ding nach PC und Internet

XR, die Kombination aus virtueller und erweiterter Realität, erzeugt mit enormer Rechenleistung Bilder, die Dinge wie echt wirken lassen. Das ist nicht immer ein Vergnügen.   Von Helmut Martin-Jung