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Studienplatzvergabe:Veraltet, schwerfällig, unsicher

Medizinstudium in Leipzig

Schlag Mitternacht startet am 16. Januar die Verteilung der Medizin-Studienplätze - wenn alles funktioniert: Vorlesung an der Uni Leipzig.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)
  • Schon vor zehn Jahren kündigte die von Ländern und Hochschulen eingerichtete "Stiftung für Hochschulzulassung" an, das Zulassungsverfahren an Unis vereinfachen zu wollen.
  • Doch das dabei entstandene "Dialogorientierte Serviceverfahren" funktioniert bis heute mehr schlecht als recht.
  • Frühestens zum Sommersemester 2025 könnte ein zeitgemäßes Verfahren online gehen.

Einen Flug zu suchen und zu buchen ist leicht: Reiseportale informieren über Ziele und Routen, sichten Tausende Flüge, bieten je nach den eingegebenen Filterkriterien Verbindungen und deren Buchung an. Eine Selbstverständlichkeit? Genauso einfach müssten doch junge Menschen passende Studienplätze suchen, finden und sich dafür bewerben können. Ganz besonders dann, wenn sie um Plätze in einem Fach konkurrieren, das begehrt und deshalb zulassungsbeschränkt ist. Auf alle Medizinstudiengänge und auf gut jeden vierten der 10 500 Bachelor-Studiengänge trifft genau das zu.

In Großbritannien, der Schweiz und Schweden existierten bereits Portale, in denen sich junge Menschen mit wenigen Klicks orientieren und bewerben können. "Wenn Sie aber in Deutschland verschiedene Studiengänge recherchieren wollen, kriegen Sie die Krise", erklärt Wilfried Juling, Informatikprofessor aus Karlsruhe. "Sie müssen online und telefonisch an lauter verschiedenen Stellen Informationen zusammenkratzen, verheddern sich in schwer verständlichen oder gar widersprüchlichen Angaben und hinterlassen überall Ihre Daten."

Ein Bewerber muss sich durch ein Labyrinth bewegen

Dabei hatte die von Ländern und Hochschulen eingerichtete "Stiftung für Hochschulzulassung" in Dortmund, die den Zugang zu Studienfächern mit Numerus clausus (NC) erleichtern soll, schon vor zehn Jahren angekündigt, dass diese Misere ein Ende haben solle. Doch das damals initiierte "Dialogorientierte Serviceverfahren" (DoSV), das auf dem Onlineportal Hochschulstart.de für eine reibungslose Platzvergabe sorgen sollte, tut sich mit dem Funktionieren nach wie vor schwer. Selbst Holger Burkhart, Rektor der Universität Siegen und seit Kurzem Vorsitzender der Stiftung, gibt zu: "Unser Problem ist: Ein Bewerber muss sich durch ein Labyrinth bewegen, bis er ein Zulassungsangebot bekommt."

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Der IT-Beirat, den die Stiftung vor einem Jahr berief, hat ihr nun bescheinigt, sich verrannt zu haben: Die Software-Architektur sei veraltet, schwerfällig, unsicher und nur als "Provisorium" hinnehmbar, heißt es in der Expertise des Beirats, die der Süddeutschen Zeitung vorliegt. 15 Millionen Euro hatte der Bund einst dafür spendiert, weitere Millionen in nicht näher beziffertem Umfang haben die Länder darin versenkt. Es sei "über die kommenden Jahre dringend zu erneuern", mahnen die Experten des IT-Beirats, dessen Vorsitzender Wilfried Juling ist.

Fünf Jahre für den Neustart? In der Digitalisierung eiine Ewigkeit

Frühestens zum Sommersemester 2025 könnte ein zeitgemäßes Serviceverfahren online gehen, schätzt Juling. Und das auch nur, wenn Länder und Hochschulen den Empfehlungen des IT-Beirats so schnell ihren Segen geben, dass die Entwicklung einer neuen Software-Architektur im Sommer beginnen kann. "Ich bin sehr optimistisch, dass wir das schaffen", sagt der Stiftungsratsvorsitzende Burkhart, die Stiftung selbst stehe hinter den Plänen der Experten für einen "radikalen Schnitt". Zu den Kosten will Burkhart nichts sagen, "wir haben noch keine Abschätzung machen können". Auch davon wird es abhängen, wie die Chancen für einen tatsächlichen Neustart stehen.

Und selbst wenn dieser Start gelingt: Fünf Jahre sind angesichts der Digitalisierung eine Ewigkeit. So lange, wenn nicht länger, müssen Bewerber noch mit dem Übergangssystem vorliebnehmen. Und so lange müssen Hochschulen, deren eigene IT-Systeme mit DoSV kommunizieren, damit leben, dass diese Kommunikation nicht rund läuft. Von Beginn an war das Verfahren mit Problemen behaftet, die zumeist bis heute ungelöst sind. Noch immer vergeben Unis einen Gutteil ihrer NC-Studienplätze lieber selbst, als sie dem DoSV anzuvertrauen; wegen Überbuchungen müssen Hochschulen manchmal mehr Studierende annehmen, als sie Plätze hatten; Studiengänge mit mehreren Fächern, etwa fürs Lehramt, überfordern das System; überlange Wartezeiten bis zur Zu- oder Absage strapazieren die Bewerber; Tausende begehrte Studienplätze blieben unbesetzt, obwohl Interessenten abgesagt wurde - nur in Nachrückverfahren und Studienplatzbörsen konnten sie noch versuchen, ihr Glück zu machen.