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Studium speziale: Klinische Linguistik:"Da geht es nicht nur um lispelnde Kinder"

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Klinische Linguistik - das klingt, als werde man damit zur Sprachärztin. Und ein bisschen ist es auch so, sagt Larissa Faber, die das Fach studiert.

Protokoll von Eva Dignös

Larissa Faber, 27, hat schon einen Bachelor in Klinischer Linguistik und macht nun an der Universität Bielefeld ihren Master.

Wie ich mein Studienfach erkläre: "Ich habe mir schon angewöhnt, gar nicht mehr 'Klinische Linguistik' zu sagen, wenn mich jemand nach meinem Studienfach fragt, sondern 'Sprachtherapie'. Viele fragen dann: Also Logopädie? Inhaltlich ist das im Grunde schon sehr ähnlich, doch um sich Logopädin nennen zu können, muss man nach dem Besuch einer Logopädiefachschule das entsprechende staatliche Examen gemacht haben. Die Logopädie-Ausbildung ist aber sehr verschult, ich wollte lieber im akademischen Umfeld bleiben. Die Ausbildungswege werden ohnehin derzeit ziemlich aufgebrochen und die Ausbildung wird zunehmend akademisiert. Wir bekommen von den Krankenkassen auch die Zulassung, als Sprachtherapeutin zu arbeiten."

Warum ich das studiere: "Ich habe schon in der Schule gerne Sprachen gelernt, hatte Deutsch als Leistungskurs im Abi und habe deshalb zunächst Deutsche Sprache und Literatur studiert. Das war so ein klassisches Germanistikstudium mit Literatur- und Sprachwissenschaft. Vor allem die Linguistik fand ich zwar interessant, aber mir fehlte der Anwendungsbezug, ich wollte Sprache nicht nur in der Theorie studieren. Und die Praxis ist bei der Klinischen Linguistik nun gleich mit dabei. Im Studium geht es neben der Linguistik auch um Medizin, Pädagogik und Psychologie. Und man kann Menschen etwas beibringen. Das hat mich gereizt."

Larissa Faber

Larissa Faber studiert Klinische Linguistik an der Universität Bielefeld.

(Foto: privat)

Was an dem Fach anders ist: "Wir haben einen sehr hohen Praxisanteil: Die letzten beiden Semester vor der Bachelorarbeit sind komplett als Klinikpraktikum angelegt: Man arbeitet neun Monate lang halbtags und hat an zwei Nachmittagen begleitende Seminare. Auch vorher macht man schon sehr viele Praktika, meist in der vorlesungsfreien Zeit. Ich hatte das Gefühl, dass man in dem Studiengang weniger Semesterferien hat."

Welche Fähigkeiten man haben sollte: "Das ist wie in anderen Studiengängen auch: Man muss eigenverantwortlich lernen können, diszipliniert sein, sich mit ganz unterschiedlichen Themenfeldern auseinandersetzen. Aber bei uns ist ja auch schon von vornherein ziemlich klar, in welchem Beruf wir arbeiten werden, nämlich in der Sprachtherapie mit Kindern und Erwachsenen - und dafür braucht man Einfühlungsvermögen, weil man nah am Patienten arbeitet, mit den Kindern, in der Beratung mit Eltern. Auch Flexibilität, Spontanität und Kreativität sind wichtig, weil man eine solche Therapie zwar vorbereitet und plant, aber sie dann nicht immer so durchziehen kann, sondern individuell auf den Patienten und die Gegebenheiten eingehen können muss."

Was schwierig war: "In einem Seminar zu Stimmstörungen mussten wir eine Hausarbeit schreiben, bei der auch Selbsterfahrung gefordert wurde: Jeder bekam eine stimmtherapeutische Methode zugewiesen und musste sie nicht nur vorstellen, sondern an sich selbst ausprobieren. Das fand ich ungewohnt und gar nicht so leicht."

Das größte Aha-Erlebnis: "Das habe ich zum Thema meiner Master-Arbeit gemacht: Mir war nicht so ganz bewusst, wie vielfältig der Beruf tatsächlich im Endeffekt ist. Da geht es nicht nur um 'lispelnde' Kinder, die zur Sprachtherapie gehen. Es gehören noch viel mehr Störungsfelder zu unserem Aufgabenfeld, zum Beispiel Hörtherapie bei Menschen, die ein Cochlea-Implantat haben, oder Schluckstörungen bei Kindern. Und ich untersuche nun in meiner Arbeit, ob genau dieses Thema - nämlich die Schluckstörungen im Kindesalter - im Studiengang ausreichend intensiv gelehrt wird. Es geht also unter anderem um die Frage, was und wie viel ein Studium oder eine Ausbildung im Bereich Sprachtherapie hier eigentlich leisten kann."

© SZ.de/berk
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