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Studium speziale: Ingenieurpsychologie:"Unsere Beziehung zum Ticketautomaten ist gestört"

(Foto: Illustration Jessy Asmus)

Etwas Seele, etwas Maschine: Alexander Weber studiert Ingenieurpsychologie. Therapiert er also später Ingenieure? Hier erklärt er, worum es in dem Fach wirklich geht.

Alexander Weber fehlte nach einigen Semestern Maschinenbau die menschliche Seite, wie er sagt. Also wechselte er das Fach und studiert nun Ingenieurpsychologie an der Hochschule Furtwangen.

Was sich andere unter dem Fach vorstellen: "Im ersten Moment ist der Studiengang Ingenieurpsychologie den meisten unbekannt. Wenn ich sage, was ich studiere, fragen viele: Ticken Ingenieure anders? Brauchen Ingenieure ihre eigenen Psychotherapeuten? Aber eine Psychotherapie-Praxis für Ingenieure mache ich später nicht auf, dafür qualifiziert mich mein Studium nicht. Eher würde ich in die Produktgestaltung gehen, zum Beispiel bei einem Automobilhersteller. Auch da spielt die Psychologie eine große Rolle: Wie fühlt es sich an, die Autotür zuzuschlagen? Wie ist der Klang?"

Das machen wir in Wirklichkeit: "In unserem Studium befassen wir uns hauptsächlich mit den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine. Ich erkläre das gerne mit dem Fahrkartenautomat: Warum stehen Leute so oft davor und wissen nicht, was sie drücken müssen? Psychologisch könnte man sagen: Unsere Beziehung zum Ticketautomaten ist gestört. Die Bedienung wird von vielen als komplex und wenig intuitiv wahrgenommen. Das kann daran liegen, dass bei der Entwicklung unsere Erwartungshaltung als Kunden nicht ausreichend berücksichtigt wurde. Wer Technik für Menschen entwickelt, muss auch das Erleben und Verhalten von Menschen verstehen. Das ist genau der Punkt, an dem wir Ingenieurpsychologen ansetzen, indem wir den Menschen in den Mittelpunkt stellen. Wir haben in einer Lehrveranstaltung zum Beispiel Eye-Tracking-Versuche mit einem Fahrsimulator gemacht: Eine spezielle Brille zeichnete dabei unsere Augenbewegungen auf, während wir versuchten, die Spur zu halten. Auf einem zweiten Bildschirm mussten wir währenddessen Aufgaben lösen, etwa einen Text eintippen. Autofahren ist eine kognitive Belastung. Je öfter man weg von der Straße auf den Bildschirm schaut, desto mehr Fahrfehler macht man, fängt an zu schlingern oder kommt aus der Spur. In vielen modernen Autos gibt es ja einen Bordcomputer mit Touchscreen. Es kommt darauf an, dass der möglichst einfach zu bedienen ist, so dass der Mensch am Steuer nicht von der eigentlichen Aufgabe, dem Fahren, abgelenkt wird."

Alexander Weber

Alexander Weber studiert Ingenieurpsychologie am Hochschulcampus Tuttlingen.

(Foto: Hochschule Furtwangen)

Der Grundlagentext: "Kein Aufsatz oder Fachbuch, sondern eine Industrienorm ist der vielleicht wichtigste Text, auf den wir im Studium immer wieder zurückkommen: die ISO 9241. Sie ist die wichtigste internationale Richtlinie für die Mensch-Maschine-Interaktionen. Es geht zum Beispiel um die Interpretation von Farben. Nicht alle verstehen einen roten Knopf, so wie wir in Deutschland ihn verstehen würden. Bei uns ist Rot eine Warnfarbe, an der Ampel halten wir bei Rot, Abbruch-Tasten an Automaten sind rot. In anderen Kulturen hat die Farbe aber eine andere Bedeutung. In China steht Rot für Glück."

Der typische Fachbegriff: "Usability. Das ist die Gebrauchstauglichkeit eines Produktes. Die Interaktion damit muss effektiv, effizient und zufriedenstellend sein."

Das größte Aha-Erlebnis: "Ich nehme Dinge im Alltag anders wahr. Das habe ich besonders gemerkt, als ich neulich in meiner Freizeit in einem Bogenbau-Kurs war. Wir sollten ein Griffstück schnitzen und ich habe mich an das erinnert, was wir zum Thema Produktergonomie gelernt haben. Die Hand umschließt gerne abgerundete Dinge. Gerundete Formen fühlen sich gut an. Ich habe also eine Kuhle auf Höhe des Zeigefingers geschnitzt und Wellen ins Holz, so dass der Bogen gut in der Hand liegt."

© SZ.de/edi
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