Studiengebühren "500 Euro je Semester sind sozial verträglich"

Bildungsökonom Axel Plünnecke hält Studiengebühren für sinnvoll.

(Foto: dpa)

Der Staat verlangt Geld für die Kita, aber nicht fürs Studium - das hält der Bildungsökonom Axel Plünnecke für einen Fehler.

Interview von Susanne Klein

SZ: Herr Plünnecke, Baden-Württemberg bittet Studierende aus Nicht-EU-Ländern zur Kasse, Nordrhein-Westfalen erwägt dasselbe. Und fünf Bundesländer kassieren bei Langzeitstudenten. Bahnt sich da ein Revival der Studiengebühren an?

Axel Plünnecke: Bei allgemeinen Studiengebühren sehe ich diese Entwicklung im Moment nicht. Bund und Ländern geht es finanziell momentan recht gut, da wird bei zusätzlichen Bildungsimpulsen politisch eher über öffentliche Ausgaben diskutiert.

Warum plädieren Sie trotzdem für Studiengebühren?

Weil ich sie als Teil eines Gesamtkonzepts sehe. Wenn man generell über Beiträge für Bildungsleistungen nachdenkt, fällt auf, dass der Staat für die erste wichtige Bildungsphase, die frühkindliche Förderung in der Kita, Geld verlangt. Ziemlich viel Geld sogar. Das Studium stellt er dagegen gebührenfrei. Das ist kontraproduktiv.

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Wieso kontraproduktiv? Die vielen Akademiker werden doch gebraucht.

Ja, aber Bildung ist ein kumulativer Prozess. Kommt ein Kind mit einer starken Startbasis in die Schule, kann es mehr aus dem Input der Lehrkraft rausholen. Alle weiteren Investitionen des Staates bringen dann mehr Ertrag für die Lernleistung. Ist die Basis dagegen schwach, bauen sich oft Rückstände auf. Aber Nachförderung, etwa in Berufsvorbereitungskursen, weil die Ausbildungsreife fehlt, ist vergleichsweise teuer. Darum hat die frühkindliche Bildungsphase eine viel größere Berechtigung auf Gebührenfreiheit.

Also Kita kostenlos, Studium aber nicht?

Genau. Die Bildungsinvestitionen vom Kopf auf die Füße stellen: Stärkt der Staat am Anfang, können mehr Kinder erfolgreich durch die Schule gehen bis hin zur Möglichkeit, zu studieren. Das ist der Sinn des Ganzen. Dieser Punkt kommt mir in der Diskussion um Studiengebühren oft zu kurz.

Ist es ungerecht, keine Studiengebühren, aber Kitagebühren zu nehmen?

In der Gesamtstruktur betrachtet, ja. Das System ist durchlässiger geworden, aber immer noch studieren Kinder von Akademikern dreimal häufiger als andere Kinder - und verdienen in der Regel später auch mehr. Die Weichen dafür werden früh gestellt, man sieht schon in der Grundschule den Effekt der Bildungsherkunft. Deshalb müssen wir die Basis für Bildungsgerechtigkeit bereits in der Kita verbessern.

Können Kitas das denn leisten?

Eine Frage der Qualität. Ich rate deshalb, das Geld, das der Bund den Ländern jetzt zusätzlich für die Kitas gibt, nicht sofort in die Abschaffung von Kitagebühren zu stecken. Sondern in dieser Legislatur zuerst die Leistung zu steigern: Mehr und höher qualifizierte Erzieher, bessere Sprachförderung, mehr Plätze für unter Dreijährige.

Alles für mehr Bildungsgerechtigkeit.

Das alles brauchen wir. Nicht nur um zugewanderte Kinder zu integrieren, sondern auch, weil unsere Familienstrukturen weniger stabil sind als früher. Kitas können allen Kindern sehr gut das Gefühl der Selbstwirksamkeit vermitteln - dass ich etwas erreichen kann, wenn ich mich anstrenge und Dinge lerne.

Und wenn die Kitas besser sind, kommt in Ihrem Modell die Studiengebühr?

Dann werden die Kitas kostenfrei, und der private Beitrag zum Bildungssystem verlagert sich ins Studium. Sozial verträglich natürlich, ich denke an 500 Euro je Semester.

Was, wenn Eltern nicht so viel haben?

Ohne Kitakosten können sie leichter Rücklagen bilden. Zudem steigt das Elterneinkommen ja meist, sodass man besser spät als früh etwas beitragen kann. Oder der Student zahlt die Summe eben selbst - aber erst später, sobald er im Beruf genug verdient.

Axel Plünnecke, 46, ist Volkswirt und Professor für Wirtschaftswissenschaften. Er leitet das Kompetenzfeld Bildung, Zuwanderung und Innovation im Kölner Institut der deutschen Wirtschaft.

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