Studie zu Geschichtsunterricht Deutsche Schulbücher zum Holocaust sprachlich ungenau

Wie wird die Judenvernichtung im Dritten Reich in Schulbüchern und im Unterricht weltweit thematisiert? Eine Studie deutscher Forscher kommt zu dem Ergebnis: In den meisten der untersuchten Länder ist der Holocaust Lehrplanthema - doch es gibt Verbesserungsbedarf.

Selbst in Deutschland sind die Gräuel der Nazi-Herrrschaft vielen Schülern offenbar kein Begriff mehr. Immerhin jeder vierte ist dem Dritten Reich gegenüber neutral eingestellt. Zu diesem Ergebnis kam im vergangenen Jahr eine Studie der Freien Universität Berlin. Doch wie kommt diese erschreckende Gleichgültigkeit zustande? Ist sie vielleicht auch Indiz für eine mangelhafte Geschichtslehre? Das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig hat sich jetzt auf Spurensuche begeben. In Kooperation mit der Unesco gingen die deutschen Forscher der Frage, wie der Holocaust weltweit im Schulunterricht und in Lehrbüchern behandelt wird.

Die Wissenschaftler prüften, in welchen Ländern die Judenvernichtung überhaupt in den Bildungsrichtlinien verankert ist und wie umfänglich das Thema dort angelegt ist. Zusätzlich wertete das Team um Eckhardt Fuchs und Peter Carrier Schulbücher aus 26 "repräsentativ ausgewählten" Ländern aus. Die vollständigen Ergebnisse der Studie sollen im Frühjahr 2014 veröffentlicht werden, doch anlässlich des Holocaust-Gedenktages gaben die Forscher jetzt einen ersten Einblick in ihre Untersuchungen.

"In den meisten der 125 untersuchten Ländern kommt der Holocaust in den Lehrplänen vor", schreiben sie, "allerdings wird ihm je nach Region und politischer Situation unterschiedliche Bedeutung beigemessen." In Deutschland wie auch in anderen westlichen Nationen sei er zentrales Thema im Geschichtsunterricht, werde in den Bildungsplänen als eigene Unterrichtseinheit empfohlen. "In anderen Ländern erscheint er oftmals eingebettet in den Zweiten Weltkrieg oder lediglich in die Menschenrechte oder andere historische Völkermorde und nicht als eigener Abschnitt."

Zeitzeugen zu Wort kommen lassen

So sei beispielsweise in albanischen Schulbüchern die Rede vom "Zeitalter der Erschütterung 1914 - 1945", der Erzählfokus liege dabei auf albanischen Bürgern, "die verfolgte Juden gerettet haben". Nicht zuletzt gibt es den Autoren zufolge immer noch Länder, in denen der Holocaust kein (eigenes) Lehrplanthema ist. Als Beispiele nennen sie China und Ruanda. Hier tauche die Judenvernichtung "nur flüchtig als Vergleichsmaßstab in Darstellungen der örtlichen Völkermorde" auf.

Die Wissenschaftler plädieren für eine eigenständige Behandlung des Themas - sehen allerdings selbst in Deutschland noch Verbesserungsbedarf bei der Vermittlung der Geschehnisse. So bemängelt der wissenschaftliche Leiter der Studie, Peter Carrier, im Gespräch mit Spiegel online eine unpräzise Sprache in manchem Lehrwerk. Im Schulbuch "Das waren Zeiten 4" würden Täterschaft und Verantwortung zum Beispiel "stark personalisiert". Es könne der Eindruck entstehen, Hitler sei allein für die Massenverbrechen verantwortlich gewesen. Eine Überschrift wie "Die Bevölkerung wird verführt" aus dem Lehrbuch sei "irreführend beziehungsweise verharmlosend".

Die Autoren der Studie fordern deshalb unter anderem eine "Stärkung historischer Faktizität und Ausführlichkeit als Grundlage für eine unvoreingenommene Diskussion (...) im Klassenzimmer". Dazu schlagen sie vor, die von "Autorentexten dominierten Schulbucherzählungen" mit Erzählungen von Zeitzeugen zu ergänzen.

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