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Sprachreform an der Uni Leipzig:"Wir Frauen haben uns auch daran gewöhnt"

Wie viele Professorinnen haben Sie?

Wir sind dabei, den Anteil auf 20 Prozent zu erhöhen. Als ich das Rektorat 2011 übernommen habe, lagen wir bei 17 Prozent. Das ist ein zäher Prozess, gerade in klassischen Fächern wie Jura oder Medizin.

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Dann halten wir mal fest: Sie wollen Gerechtigkeit herstellen und haben 20 Prozent Professorinnen. Deren Anrede gilt nun aber auch für die 80 Prozent, die männlich sind. Was ist daran gerecht?

Es geht um ein Dokument, unsere Grundordnung. Die bezieht sich auf alle Mitglieder der Universität, also auch auf unsere Studierenden, von denen die Mehrheit weiblich ist. Mir fehlt einfach die Phantasie dafür, dass die Männer unter der neuen Sprachregelung leiden könnten. Wir Frauen haben uns doch auch daran gewöhnt, dass man uns als Frau Professor anspricht.

Die Ökonomin Friederike Maier, die auch das Netzwerk "Gender Equality and Employment" der EU-Kommission berät, hat von "Notwehr" gesprochen. Nach dem Motto: "Wir drehen das mal um." Das klingt nicht nach friedlichem Miteinander. Das klingt kämpferisch.

Es ist nicht kämpferisch gemeint gewesen von den Mitgliedern unseres Erweiterten Senats. Der Tonfall war sehr zivil. Man hat sich an unser Universitätsmotto erinnert: Aus Tradition Grenzen überschreiten.

Gab es keinen Widerspruch?

Natürlich gab es auch kritische Stimmen, gerade unter den konservativen Vertretern etwa der Rechtswissenschaften: "Das können wir doch nicht machen!" Aber sie haben sich eben nicht durchgesetzt.

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Wann beginnt c.t.?

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Kritiker einer "geschlechtergerechten" Sprache kritisieren vor allem das Konzept dahinter: Gender-Mainstreaming. Für sie ist das eine aggressive Umerziehungsideologie, die den Menschen ihr biologisches Geschlecht ausreden will und dabei die Sprache verhunzt. Der Journalist Volker Zastrow spricht in seinem Buch "Gender" von einer "politischen Geschlechtsumwandlung". Wie nennen Sie es?

Sicher nicht Umerziehung. Ich bin für eine geschlechtergerechte Sprache, ich bemühe mich auch überall, wo es geht, Formen zu finden, die ganz selbstverständlich beide meinen: Studierende oder Lehrende, zum Beispiel. Für den normalen Umgang reichen diese Begriffe völlig aus. In einem Dokument wie der Grundordnung, die auch die Hierarchie einer Uni widerspiegelt, gibt es aber schlicht nicht genügend Worte, um diese Linie voll durchzuziehen.

Es gibt eine Instanz, die Ihre Reform stoppen kann. Das sächsische Wissenschaftsministerium muss der neuen Grundordnung noch zustimmen.

Aus dem Ministerium haben wir bereits eine positive Rückmeldung erhalten.

Das Ressort führt eine Frau, Sabine von Schorlemer.

Ach, ich weiß gar nicht, ob die Sache bis zu ihrem Schreibtisch gelangt ist.

Was wäre denn, wenn die Landesregierung angesichts der öffentlichen Kritik Ihre Reform doch noch kassiert?

Dann kommen wir in subtile juristische Fragen. Das würde mich aber sehr wundern. Wir haben Hochschulautonomie.

Haben Sie zum Schluss noch eine Botschaft an Ihre Kritiker?

Keine Angst, liebe Männer. Wer souverän ist, wird damit fertigwerden.

Beate Schücking, 57, hat Medizin und Philosophie studiert, 1989 ihre erste Professur übernommen und an mehreren Hochschulen gelehrt. Seit März 2011 ist sie Rektorin der Universität Leipzig, Deutschlands zweitältester Hochschule.

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