Schulpädagogik-Professor über Lehrer Was Lehrer künftig können müssen

Sie fordern zudem Unterricht nach demokratischen Prinzipien.

Eigentlich eine Selbstverständlichkeit für eine demokratische Republik, aber sehr schwer umzusetzen. Ich war schon oft in China im Schulunterricht und stelle fest: Der dort gegebene Unterricht ist in didaktisch-methodischer Hinsicht häufig auf hohem Niveau. Nicht zufällig liegt Shanghai bei der Pisa-4-Studie aus dem Jahr 2009 in allen getesteten Bereichen auf dem Spitzenplatz. Aber eine demokratische Beteiligung an didaktischen Entscheidungen und die Aufforderung zur Kritik der gelehrten Inhalte spielt noch kaum eine Rolle. Da sind wir in Deutschland in vielen Kollegien weiter. Und deshalb ist der sehr gute chinesische Unterricht nach meinen Maßstäben nicht wirklich gut.

Kann der Frontalunterricht, der in Deutschland immer noch in hohem Umfang praktiziert wird, überhaupt demokratisch sein?

Mit Abstrichen: ja. In meinem Buch unterscheide ich drei Grundformen des Unterrichts: die direkte Instruktion, was im Prinzip dem Frontalunterricht entspricht, den individualisierenden Unterricht, der insbesondere an Grundschulen als Wochenplanarbeit praktiziert wird, und den kooperativen Unterricht, etwa in Form von Projektarbeit. In der direkten Instruktion, in der die Lehrer weitgehend die Wissensvermittlung übernehmen, wird nicht abgestimmt - aber die Schüler sollten immer wieder kritische Rückfragen stellen können und die Möglichkeit haben, eine Gegenposition zum gelehrten Stoff einzunehmen. In den anderen beiden Grundformen können die Schüler lernen, selbstorganisiert und solidarisch zu arbeiten.

Lehrer müssen Widerspruch ertragen können?

Natürlich. Zur Hochzeit der Studentenrevolte habe ich zu meinen Studenten an der Uni Oldenburg, damals im Übrigen eine politisch sehr linke Uni, gesagt: "Ihr müsst so unterrichten, dass auch die Kinder von Franz Josef Strauß etwas davon haben und nicht isoliert werden." Das fand nicht nur Zustimmung.

Fehlt noch der dritte Punkt Ihrer Zielformel.

Unterricht muss effizient gestaltet werden. Anders formuliert: Das Verhältnis von Aufwand und Ertrag sollte stimmen. Die Schüler müssen lernen, ökonomisch mit ihrer Lernzeit umzugehen und Verantwortung für den eigenen Lernfortschritt zu übernehmen. Deshalb ist "Metaunterricht" erforderlich, in dem die Schüler das eigene Lernen reflektieren.

Skurrile Lehrersprüche

"Ich habe Tinnitus im Auge - ich sehe überall nur Pfeifen"

Aber die Lehrer sind doch an den Lehrplan und weitere Richtlinien gebunden?

Sie haben dennoch das Recht und die Pflicht, die Lehrpläne im Blick auf die besonderen Bedürfnisse ihrer Schüler kreativ auszulegen Das habe ich mir nicht selbst ausgedacht. Das hat der niedersächsische CDU-Kultusminister Werner Remmers schon vor 35 Jahren gesagt.

Für das Erreichen Ihrer drei Ziele scheint es notwendig zu sein, dass sich die Lehrer mehr zurücknehmen, weniger postulieren und mehr zulassen.

Darauf antworte ich mit einem eindeutigen Jein. Im Frontalunterricht ist es völlig in Ordnung, wenn sich der Lehrer nicht zurücknimmt. Aber dass dieser Frontalunterricht an deutschen Gymnasien bis heute um die 80 Prozent der gesamten Unterrichtszeit einnimmt, ist nicht akzeptabel. Schon eine Reduzierung des Anteils von 80 auf 50 Prozent käme an vielen Schulen einer Palastrevolte gleich! Mittelfristig sollte überall Drittelparität zwischen den Grundformen angestrebt werden. Es gibt schon heute viele Schulen, die das erreicht haben und respektable Lernerfolge vorweisen können.

Wie sehen die künftigen Herausforderungen für die Lehrer aus? Was müssen sie können und was vielleicht bleiben lassen?

Sie müssen lernen, unterschiedliche Rollen einzunehmen. Sie sollten zudem von der Vorstellung wegkommen, alle Inhalte selbst vermitteln zu wollen. Dieser Anspruch wird durch die Digitalisierung der Medien hinfällig werden und ist es teilweise jetzt schon. Die digitale Welt ist einfach da und die Frage ist nicht ob, sondern wie die Schule damit angemessen umgeht. Wichtiger wird es dementsprechend, den Schülern die Kriterien für korrektes fachliches Arbeiten beizubringen, damit sie nicht beliebige Wikipedia-Inhalte kopieren. Die kritische fachliche Auseinandersetzung lässt sich nicht durch elektronische Medien ersetzen.

Die Digitalisierung wird also nicht das Gros der Lehrer den Job kosten?

Mit Sicherheit nicht. Darauf verwette ich mein Haus!

Welchen Rat würden Sie einem jungen Menschen geben, der heute neu in den Lehrerberuf einsteigt?

Generell würde ich sagen: Es ist wichtig, mit den Schülern ein Arbeitsbündnis zu schließen und ein lernförderliches Klima herzustellen. Das ist etwas anderes als Kuschelpädagogik. Es kann und muss auch mal hart zugehen, wenn die vereinbarten Rechte und Pflichten nicht geachtet werden. Mein Symboltier für den Lehrerberuf ist deshalb der Igel: im Herzen pazifistisch, aber zur Not verteidigungsbereit.