Bildung in Afghanistan Wird der Schulbesuch zur Verhandlungsmasse bei Friedensgesprächen?

Am schwersten wiegt aber die prekäre Sicherheitslage. Mehr als 700 Schulen im ganzen Land sind geschlossen, weil sie in Kampfgebieten liegen, berichtet Mehrdad. Sowohl Regierungstruppen als auch die Taliban benutzen die Bildungseinrichtungen als Lager für Munition, Waffen und Kämpfer. Das Bildungsministerium appelliert zwar immer wieder an das Verteidigungs- und Innenministerium, das Militär dürfe die Schulen nicht zweckentfremden, aber meist ohne Erfolg. Doch bei der Bildung kommt es auch zu lokalen Kooperationen zwischen den beiden Kriegsparteien. "Es gibt Gegenden in Afghanistan, die vollständig unter der Kontrolle der Taliban liegen, aber die Schulen dort sind dennoch geöffnet und werden von der Regierung weiterbetrieben", sagt Mehrdad.

Doch Mädchen wie Sitara treibt wie Millionen anderer Afghaninnen eine große Sorge um. Sie befürchten, die kleinen Errungenschaften der vergangenen Jahre könnten dahin sein, wenn die Islamisten im Rahmen von Gesprächen mit der Regierung mehr Macht eingeräumt bekommen. Während des Taliban-Regimes in der Zeit von 1996 bis 2001 war es Mädchen verboten, zur Schule zu gehen, Frauen durften sich öffentlich nicht allein auf der Straße blicken lassen. Viele Afghaninnen befürchten jetzt, dass ein schmutziges Tauschgeschäft eingefädelt wird: Die Regierung schließt Frieden mit den Islamisten und schränkt im Gegenzug die Rechte der weiblichen Bevölkerung ein. Gerät der Schulbesuch damit zu einer Art Verhandlungsmasse bei Friedensgesprächen?

Sogar der Taliban-Sprecher singt ein Loblied auf die Bildung

Ein Anruf bei Taliban-Sprecher Qari Mohammad Jusuf Ahmadi. Was er sagt, klingt zunächst einmal harmlos: "Bildung kann viele der Probleme lösen, die in unserer Gesellschaft existieren." Schulunterricht, auch für Mädchen, sei wichtig - basierend auf den "Lehren des Islam". Er verwahrt sich gegen die von internationalen Organisationen und der afghanischen Regierung verbreitete Darstellung, die Taliban seien für die Zerstörung zahlreicher Mädchenschulen verantwortlich. "Eine friedliche und angenehme Atmosphäre sollte für Mädchen geschaffen werden, damit sie Bildung erlangen können, damit sie in Sicherheit und entspannt zur Schule gehen können", meint der Taliban-Sprecher.

Man könnte all diese Aussagen leicht als Propaganda abtun, aber ein Teil davon ist auch aus Sicht unabhängiger Beobachter korrekt. Analysten in Kabul betonen: Einige Taliban-Kämpfer haben sich gewandelt. Sie wollen keinesfalls zu dem Steinzeit-Islam zurückkehren, den sie in den 1990er-Jahren vertreten haben. Sie möchten auch nicht wieder als Paria der Weltgemeinschaft gelten, sondern haben ein Interesse daran, dass westliches Hilfsgeld weiterhin nach Afghanistan fließt - auch für Schulen. Aber eine Beteiligung der Taliban an der Macht würde sich für Schülerinnen wie Sitara negativ auswirken, daran besteht kein Zweifel. Sie sagt: "Der Krieg geht weiter, ich sehe keine gute Zukunft, weder für mein Land noch für mich."

"In der elften Klasse ist mein Unterricht oft ausgefallen wegen der Schießereien"

Ihr Alltag ist von einer ständigen Bedrohung überschattet, von dem Gefühl, dass jederzeit eine Bombe explodieren könnte. Doch zumindest beherrschen die Taliban Kabul nicht, sie konzentrieren sich in der Hauptstadt auf spektakuläre Anschläge. Für Abdullah ist die Situation anders. Der 18-Jährige aus Char Darah hat gerade nach zwölf Jahren seinen Schulabschluss gemacht und möchte nun eine Ausbildung beginnen. Sein Heimatdistrikt liegt in der Provinz Kundus, im ehemaligen deutschen Einsatzgebiet. Hier hat die Bundeswehr schwere Verluste erlitten, hier hat der deutsche Oberst Georg Klein 2009 den verheerenden Luftangriff angeordnet, bei dem unschuldige Zivilisten starben. Kundus, das ist aus deutscher Perspektive der Inbegriff für den Krieg in Afghanistan.

Perspektivlos

Afghanistan hat eine sehr junge Bevölkerung. 32 Millionen Menschen lebten nach Schätzungen des Internationalen Währungsfonds (IMF) 2015 in dem Land, das Durchschnittsalter betrug 17,5 Jahre. Schon seit Jahren liegt der Bevölkerungsanteil der 0 bis 14-Jährigen am Hindukusch um die 45 Prozent, im Vergleich dazu macht diese Altersgruppe in Deutschland etwa 14 Prozent der Gesamtbevölkerung aus. Eine so junge Bevölkerung braucht dringend Perspektiven, vor allem Jobs und Sicherheit. Doch der Arbeitsmarkt ist schwach. Und auch 15 Jahre nach dem Einmarsch des Westens in Afghanistan ist kein Ende des Krieges in Sicht, so wollen weiterhin Hunderttausende Afghanen aus ihrer Heimat fliehen. Tobias Matern

Wie wenig Sicherheit die Bundeswehr nach ihrem Abzug 2013 hinterlassen hat, zeigen Abdullahs Erzählungen. Der junge Mann heißt anders, aber zu seinem Schutz steht sein richtiger Name nicht in der Zeitung. Er hat sich bereit erklärt, in einem Telefonat offen über seine Situation und über die Taliban zu sprechen. "Seit drei Jahren ist die Gegend, in der ich lebe, unter deren Kontrolle", sagt er. Trotzdem sei die Schule weiter von der Regierung betrieben worden - unter Duldung der Taliban.

Wie eigentlich jeder afghanische Schüler unterstreicht Abdullah den Wert von Bildung, begeistert berichtet er von den Möglichkeiten, die er durch den Schulbesuch erhalte. Dabei lag sein Klassenzimmer mitten im Kriegsgebiet. "Jederzeit konnten Kämpfe ausbrechen. In der 11. Klasse ist mein Unterricht oft ausgefallen wegen der Schießereien." Als er in die 12. Klasse ging, sei es besser geworden, weil die Regierungstruppen den Taliban das Gebiet kampflos überlassen hätten. Für die Schüler bestand so zumindest keine Gefahr mehr, ins Kreuzfeuer zu geraten.