bedeckt München 16°

Risiko Sportunterricht:"Ich würde nicht sagen: Du läufst und du nicht"

Nur sehr selten ereignen sich solch tragische Unfälle wie der vor sechs Jahren in Hessen. Anlässe, Lehrer für Verletzungen verantwortlich zu machen, gibt es aber viele. "Ich halte es für sehr schwierig, wenn jedes Tun und Handeln einer Sportlehrkraft letztlich vor Gericht landen kann", sagt Felbinger. Immer häufiger hätten Eltern in den vergangenen Jahren versucht, bei den Lehrern für alles Mögliche einen Schuldigen zu finden. "Wenn man Kinder heute normal fordert, kann man davon ausgehen, dass irgendwelche Eltern am nächsten Tag darin eine Überforderung sehen. Wo führt das hin?"

Aus Sicht von Lenka Schäfer dürfen Sportlehrer ihre Schüler nicht bevormunden, auch wenn sie Zweifel an ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit haben. "Eine Schülerin, die magersüchtig ist, schafft keine 30 Minuten Dauerlauf", sagt die Sportlehrerin. Aber das Thema sei hochsensibel. "Ich würde ihr nichts verbieten, sondern beobachten, ob sie blass wird, hyperventiliert, zwischendurch den Puls messen lassen, aber ich würde nicht sagen: Du läufst und du nicht."

Schule "Kinder bleiben zurück, obwohl das nicht sein müsste"
Schule

"Kinder bleiben zurück, obwohl das nicht sein müsste"

Die Soziologin Anne Christine Holtmann hat sich mit der Bildung von Schülern aus benachteiligten Familien befasst. So können Schulen diese Kinder unterstützen.   Interview von Matthias Kohlmaier

Die Aufmerksamkeit, die eine Lehrerin jedem einzelnen Schüler entgegenbringen kann, ist aber begrenzt. Das sieht auch Schäfer kritisch. Bis zu 34 Schüler müsse eine Sportlehrkraft zuweilen unterrichten. "Wenn Schulleiter zwei Klassen im Sport zusammenlegen, dann gewinnen sie Zeit für das Zweitfach des Sportlehrers, der vielleicht noch Englisch oder Mathe unterrichtet", sagt Schäfer. So werden Kleingruppen in den Fremdsprachen durch eine schlechtere Betreuung in Sport ermöglicht.

"Wenn das Kultusministerium pro Sportlehrer im Regelunterricht maximal 25 Schüler erlauben würde, würde ich frohlocken." Kleinere Sportgruppen erhöhten die Sicherheit und ermöglichten individuelle Förderung. Vor allem in der Oberstufe würde das die Lehrer auch körperlich entlasten. "Da müssen sie hintereinander 28 fast erwachsene Menschen halten und stützen, das ist sehr anstrengend."

Erste-Hilfe-Ausbildung liegt oft viele Jahre zurück

Um Unfälle zu vermeiden, bekommen Sportlehrer eine Sicherheitsausbildung, in der sie lernen, welche Verletzungsrisiken in bestimmten Sportarten bestehen und wie sie Hilfestellung geben. Auch eine Erste-Hilfe-Ausbildung müssen sie machen. Allerdings sind sie nicht überall verpflichtet, diese regelmäßig aufzufrischen. Die meisten Bundesländer vertrauen darauf, dass die Lehrer sich selbst darum kümmern.

Günther Felbinger spricht sich für klare Vorgaben und Kontrollen aus: "Beim dritten Kursus denkt man, stabile Seitenlage, klar, kenne ich schon. Aber die Herz-Druck-Massage zum Beispiel muss in Fleisch und Blut übergehen. In der Schreckminute hat man keine fünf Sekunden, um zu überlegen, wo man ansetzen muss." In Hessen, wo diese Rettungsmaßnahme einen Schüler möglicherweise vor bleibenden Schäden hätte bewahren können, müssen Sportlehrer seit Dezember 2013 regelmäßig Auffrischungskurse nachweisen.

Schule "Bildungspolitiker lassen sich durch gefühlte Fakten leiten"

Schule

"Bildungspolitiker lassen sich durch gefühlte Fakten leiten"

Nordrhein-Westfalen führt das Schulfach Wirtschaft ein, um das Ökonomie-Defizit zu lindern. Doch das gibt es gar nicht, zeigt eine Studie - im Gegenteil.   Von Larissa Holzki