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Schule:Spinnen, Philosophen und Kurvendiskussionen in der Pubertät

Rechenprobleme bei Schülern

Fast korrekt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Von traumatisch bis triumphal - SZ-Mitarbeiter schildern Erlebnisse aus ihrem Mathematikunterricht.

In Hamburg arbeitet eine Expertenkommission daran, den Mathematikunterricht zu verbessern. Sie wünscht sich unter anderem mehr und besser ausgebildete Lehrer sowie mehr Praxisbezug im Unterricht. Hätte sie ihre Arbeit etwas früher aufgenommen, wären womöglich zahllosen Schülern teils traumatische Erlebnisse erspart geblieben. Hier erzählen SZ-Mitarbeiter von lustigen, niederschmetternden und, ja, auch triumphalen Episoden aus ihrer Schulzeit.

Der eingebildete Kranke

Drei Dinge müssen zusammenkommen, wenn man sich als Achtklässler erfolgreich einer Mathearbeit entziehen möchte. Erstens: die richtige Witterung; zweitens: nicht zu wenig kriminelle Energie; drittens: ein Glaube an das Gute im Menschen. Es war insofern glückliche Fügung, dass auf vielen Straßen Glatteisgefahr herrschte, als für meine 8b in der ersten Stunde an jenem Dienstagmorgen eine schriftliche Überprüfung unseres Geometrie-Wissens anstand. Ich für meinen Teil wäre verloren gewesen. Strahlensätze oder wie man die Breite eines Sees berechnet - mir egal, völlig egal. Eine Lösung des Problems musste her. Schwänzen kam nicht in Frage als Lehrerkind, vielleicht können das andere nachvollziehen. Ein Fehlen bei einer Klassenarbeit macht im Lehrerzimmer schnell die Runde. Die Lösung, dachte ich: ein Fahrradunfall. Kein echter natürlich, ich wollte doch am Nachmittag zu meiner ersten festen Freundin, Pubertät und so. Nein, ein vorgetäuschter.

Ich ließ mir also Zeit, kam noch später als für gewöhnlich, klopfte an die Klassentür, zaghaft, wie es Schwerverletzte nun mal zu tun pflegen. Ich bat die eifrige wie ungewöhnlich lebenserfahrene Referendarin, die gerade dabei war, die Aufgabenblätter zu verteilen, vor die Tür. Ich sei verunfallt, log ich, auf dem Weg zur Schule, Glatteis und so. Ich hielt mir den Ellenbogen der rechten Schreibhand, natürlich. Ihren Blick werde ich genauso wenig vergessen wie den Satz des Pythagoras. "Ausrede!", schrie er. Ihr Mund hingegen sprach: "Wenn das so ist, dann musst du wohl ins Krankenhaus."

( a + b )² = a² + 2ab + b²

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Im Krankenhaus, das praktischerweise wenige Hundert Meter vom Schulgebäude entfernt lag, zeigte ich meine Privatversichertenkarte (Lehrerkind) und schilderte, was mir vorgeblich widerfahren war. Wieder skeptische Blicke, diesmal eine Krankenschwester. Meine Rettung: der Oberarzt. Nach Ansicht des Röntgenbildes meines rechten Ellenbogens, das er zusammen mit meiner inzwischen hinzugeeilten Lehrer-Mutter in Augenschein nahm, glaubte er an meine Geschichte und in dem durchleuchteten Knochen etwas erkennen zu können, das gut und gerne auch ein Haarriss hätte sein können. "Man weiß ja nie bei Heranwachsenden", sagte er. Meine Rückkehr in die nächste Mathestunde mit Gipsverband war ein Triumph. Das Ergebnis der zwei Wochen darauf nachgeschriebenen Geometriearbeit war keiner. Philipp von Nathusius

Von Rauten und Spinnen

Stochastik, Diagramme, Kurvendiskussionen - als es ernst wurde mit der Mathematik, bekamen wir Herrn K. als Mathelehrer. Er erfüllte viele Mathelehrer-Klischees, die wir damals noch gar nicht als solche benennen konnten. Er hatte schütteres Haar, war blass und trug Rautenpullover. Erklären konnte Herr K. ziemlich gut. Und oft ging ein Lächeln über sein Gesicht, wenn sich eine Gleichung an der Tafel in eine kurze, übersichtliche Zeile aufräumte, fast wie von selbst.

Die unvergesslichste Stunde war aber jene kurz vor den Ferien. Man hatte immer schon raunen gehört, dass Herr K. eine nicht eben kleine Sammlung an Vogelspinnen besaß, und an diesem Tag brachte er eine - ungefährliche - mit in den Unterricht. Wer wollte, konnte sie über seine Hand krabbeln lassen. Es muss die rationale Atmosphäre in seinem Klassenzimmer gewesen sein, die mich, trotz Phobie, dazu brachte, mich zu melden. Spinnenfüße, das weiß ich seit jener Mathestunde, fühlen sich an, als würden Schulbleistifte mit dem kleinen Radiergummi am Ende über den Handrücken wandern. Kathleen Hildebrand