Schule "Wir mussten sechs neue Stundenpläne machen"

Sind Sie zufrieden mit Ihren Aushilfen?

Wir haben großes Glück. Alle, die kamen, waren sehr engagiert. Auch die jetzigen Vertretungskräfte haben sich sehr gut eingearbeitet. Die Eltern sind ebenfalls zufrieden, das ist ein gutes Zeichen.

Machen die Leute das fürs Geld?

Überwiegend machen sie es, um uns zu helfen. Die meisten kommen aus der Region und haben eine Verbindung zu unserer Schule. Die Bezahlung ist wenig attraktiv.

Kommen auch Ehrenamtliche zu Ihnen?

Ja, mehr als zehn, wir sind auf sie angewiesen, nicht nur in der Hausaufgabenbetreuung. Und wir haben zwei Lehrbeauftragte, die ein kleines Entgelt von sieben Euro die Stunde bekommen. Sie unterstützen uns als Lernbegleiter für einzelne Kinder.

Sonja Dannenberger, 38, leitet seit 2012 die Talschule Wehr, eine Grundschule in der südbadischen Kleinstadt Wehr. Außerdem ist sie Schulkreisvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE).

(Foto: privat)

Wie hat sich Ihre Notlage im Frühjahr auf das Unterrichtsgeschehen ausgewirkt?

Wir mussten sechs neue Stundenpläne machen, denn die Vertreter kamen ja nicht gleichzeitig, sondern nach und nach.

Konnten Sie denn alle Lücken stopfen?

Nein, mit diesem Flickwerk aus Teilzeitverträgen und Zusatzstunden der verbliebenen Lehrer kam ich auf etwas über 80 Wochenstunden. Die vier Lehrerinnen hatten aber 112 Stunden abgedeckt.

Und dann?

Haben wir 29 Wochenstunden gekürzt, auf alle Klassen verteilt. In den meisten gab es statt drei Stunden Sport nur noch eine. Auch Englisch mussten wir kürzen, und Musik, obwohl wir eine Grundschule mit musischem Profil sind. Bei solchen Engpässen können Sie nicht immer alles machen, was im Bildungsplan steht. Auch die Notengebung muss man anpassen, weil nicht alle Arbeiten geschrieben werden können.

Wie ist die Situation an Ihrer Schule jetzt?

Es hat sich beruhigt. Die letzte Teilstelle konnte ich im Januar besetzen.

Wollen Sie damit sagen, es hat ein Jahr gedauert, wieder auf einen ausgeglichenen Stundenplan zu kommen?

So ist es. Ich hoffe, wir können nun bis zum Sommer in Ruhe arbeiten. Danach geht alles wieder von vorne los.

Warum denn das?

Weil dann die ganzen zusätzlichen Verträge auslaufen, die sind ja befristet. Das war im letzten Sommer nicht anders. Und außerdem gehen Lehrer in Pension, wodurch weitere Lücken gerissen werden. Ich plane bereits fürs nächste Schuljahr und habe auch schon Stellen ausgeschrieben.

Eine Schule zu leiten, scheint zurzeit mehr Stress als Spaß zu bringen.

Ich bin sehr gern Schulleiterin. Es ist gut, wenn der Betrieb wieder läuft. Natürlich verursacht der Lehrermangel viel zusätzliche Arbeit, der Verwaltungsaufwand ist enorm. Ständig neue Verträge, Einarbeitungen und Probezeitbeurteilungen, jede Stundenkürzung muss durch drei Gremien. Aber das geht allen Schularten im ländlichen Raum so. Grundschulen, Werkrealschulen, Hauptschulen, mittlerweile auch Realschulen, Gemeinschaftsschulen, ganz besonders die sonderpädagogischen Zentren - überall herrscht Mangel.

Warum fehlen gerade auf dem Land so viele Lehrer?

Weil viele junge Lehrer in einer größeren Stadt leben wollen. Nehmen Sie uns: Wehr liegt am Hochrhein an der Schweizer Grenze. Freiburg ist eine gute Stunde entfernt. Die Lehrer wollen lieber dorthin, und weit fahren wollen sie auch nicht. Ich komme von hier und finde es toll hier, aber nicht jeder sieht die Gegend mit meinen Augen.

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