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Lehrermangel:"Von Work-Life-Balance hält Frau Eisenmann wenig"

Pressekonferenz vor Schulbeginn

In Baden-Württemberg kann jede elfte Unterrichtsstunde nicht regulär stattfinden.

(Foto: Caroline Seidel/dpa)

An Baden-Württembergs Schulen entfällt viel Unterricht. Von Gegenmaßnahmen der Kultusministerin ist die Lehrergewerkschaft GEW aber wenig begeistert.

Das Kultusministerium in Baden-Württemberg hat im vergangenen November die öffentlichen Schulen angehalten, eine Woche lang sämtliche ausgefallenen Unterrichtsstunden zu dokumentieren. Das Ergebnis: Jede elfte Stunde konnte nicht planmäßig stattfinden, weil die Lehrkraft fehlte. Von diesen Stunden fielen etwa 40 Prozent aus, der Rest wurde vertreten.

In Zeiten des Lehrermangels scheint diese Erkenntnis wenig überraschend. Während in anderen Bundesländern Lehrerverbände und Ministerien seit Jahren darüber streiten, ob der Stundenausfall überhaupt erhoben wird, ignoriert man ihn in Baden-Württemberg aber zumindest nicht. Doro Moritz, Landesvorsitzende der Lehrergewerkschaft GEW, wünscht sich trotzdem mehr Unterstützung und weniger "Symbolpolitik".

SZ: Frau Moritz, laut Erhebung des Ministeriums kann an Baden-Württembergs Schulen jede elfte Unterrichtsstunde nicht regulär stattfinden. Halten Sie die Zahl für realistisch?

Doro Moritz: Das dürfte ungefähr hinkommen, die Schulen jedenfalls stöhnen ob der angespannten Personalsituation ganz massiv.

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Warum entfällt so viel Unterricht?

Das größte Problem sind die vielen langzeiterkrankten Lehrkräfte und Kolleginnen, die schwangerschaftsbedingt vorübergehend nicht zur Verfügung stehen. Der Lehrberuf wird seit Jahren weiblicher - da ist es keine Überraschung, dass auch mehr Unterrichtsstunden ausfallen oder vertreten werden müssen, weil sich eine Kollegin im Mutterschutz befindet.

Vom Lehrermangel ist seit Langem die Rede. Wie sieht es konkret an den Schulen aus?

Erst heute Morgen hat mir ein Schulleiter gesagt, dass er täglich eine Stunde mit der Erstellung des Vertretungsplans verbringt und diesen am Wochenende nochmals überarbeiten muss. Nur so könne Stundenausfall einigermaßen organisatorisch bewältigt werden. Auch normale Lehrkräfte erzählen uns immer wieder, dass sie kurzfristig für Kollegen einspringen müssen und geplante Projekte deshalb nicht umsetzen können. Es bleibt schlicht weniger Zeit für Vor- und Nachbereitung des Unterrichts in den "eigenen" Klassen. Wichtige Aufgaben wie die Sprachförderung von Kindern an Grundschulen leiden massiv unter dem Zeitmangel.

Dann ist es doch gut, dass das Kultusministerium sich nun verstärkt um das Thema Unterrichtsausfall kümmert.

Offen gesagt ärgert mich dieser Aktionismus des Ministeriums. Die Erhebungen zum Stundenausfall bringen den Schulen überhaupt nichts, sie machen nur zusätzliche Arbeit. Dabei bilden sie einen zentralen Punkt nicht einmal ab.

Welchen denn?

Für die Erhebungen müssen die Schulleitungen im Laufe des Schuljahres für ein oder zwei Wochen den Unterrichtsausfall dokumentieren. Nicht erfasst wird damit aber, wie viele Lehrkräfte bereits zu Schuljahresbeginn gefehlt haben; wie oft größere Klassen gebildet werden mussten, weil für angemessene Klassengrößen nicht genug Personal da war; welche Projekte von Beginn an gestrichen werden mussten, weil sie niemand betreuen konnte. Diese Probleme ignoriert das Ministerium.