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Laptops:Schulleiter Schimpf und das Netz

Mittelschule Süd

Willkommen im Jahr 2020: Ein Computerraum wie in der komplett renovierten Mittelschule Süd in Dachau ist längst nicht überall Standard.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Den Ländern fällt es leichter, Tablets oder Laptops für benachteiligte Schüler zu finanzieren, als die Schulen mit stabilem Internet zu versorgen. Das zeigen jetzt Zahlen aus den Kultusministerien.

Von Susanne Klein und Paul Munzinger

Dass Wolfgang Schimpf den Digitalpakt als "richtig großen Schritt in die richtige Richtung" sieht, überrascht ein bisschen. Schimpf leitet das Max-Planck-Gymnasium in Göttingen, und dort ist aus dem Fünf-Milliarden-Paket noch kein einziger Euro eingetroffen. Sogar noch ein bisschen mehr überrascht es, dass Schimpf das im Sommer eilig aufgelegte, 500 Millionen Euro schwere Laptop-Sofortprogramm als Beweis dafür sieht, "dass es schnell gehen kann, wenn es sein muss". Denn noch ist kein einziger Laptop, der aus diesem Topf bezahlt wurde, an seiner Schule eingetroffen.

Vielleicht ist Schimpf in seinen 15 Jahren als Schulleiter bei dem Thema Digitalisierung auch einfach nur bescheiden geworden. "Wir nehmen alles, was wir an dieser Stelle bekommen können", sagt er. Die Bemühungen der Bundesregierung, Länder und Kommunen bei der technischen Aufrüstung ihrer Schulen zu unterstützen, scheinen jedenfalls wenig zu fruchten. Das gilt vor allem für den Digitalpakt, der die Infrastruktur in den Schulen verbessern soll, mit W-Lan zum Beispiel. Nur ein Bruchteil der fünf Milliarden Euro wurde bereits ausbezahlt oder konkreten Projekten zugewiesen. Wie kann das sein, wo doch die Corona-Krise den Modernisierungsstau der Schulen so schonungslos offengelegt hat?

Tatsächlich hat der Digitalpakt schon mehr bewegt, als die Zahlen zum Ausdruck bringen. Manche Länder schießen dem Bund das Geld vor, manche Schulen und Schulträger präsentieren erst dann ihre Rechnung, wenn sie die Mittel schon ausgegeben haben. Doch der Hauptgrund für den zähen Geldfluss liegt darin, dass der auf fünf Jahre angelegte Digitalpakt schwerfällig ist - und nicht geeignet, die eiligen Bedürfnisse einer Pandemie zu erfüllen. Wie schwerfällig, zeigt das Beispiel von Wolfgang Schimpf und dem Max-Planck-Gymnasium.

Nachdem der Pakt im Mai 2019 unterschrieben war, mussten die Länder bis Ende des Jahres zunächst eine Förderrichtlinie veröffentlichen. Dann waren die Schulen am Zug. Schimpf reichte das erforderliche Medienbildungskonzept im Januar beim Schulträger, der Stadt Göttingen, ein. Auf 35 Seiten legt die Schule dar, was sie in der Pädagogik vorhabe, was sie dafür brauche und wie sie technisch ausgestattet ist - Wlan zum Beispiel sei "real nicht vorhanden". Göttingen sammelte die Anträge seiner Schulen, Zeit verging. Im Mai schickte die Stadt eine Firma in Schimpfs Schule, die Raum für Raum Kabel und Leitungen prüfte, um die nötigen Baumaßnahmen vorzubereiten. Zusätzlich lässt die Stadt dieses Jahr noch alle Gebäude auf Asbest prüfen. Wenn schon, denn schon.

2020, hat man Schimpf mitgeteilt, wird das nichts mehr. Er fragt sich, warum sein Schulhaus nicht schon viel früher geprüft wurde. Seit zehn Jahren habe er immer wieder darauf gedrungen, für Internet in den Schulen zu sorgen, das auch funktioniert. Vergeblich. Stadt und Land hätten sich gegenseitig den Schwarzen Peter zugespielt. "Und wir Schulen mussten zusehen, wo wir bleiben." Aus der Sicht von Schimpf ist nicht der Digitalpakt das Problem. Sondern, dass er erst jetzt kommt.

Das in der Not der Pandemie entstandene Sofortprogramm ist viel unbürokratischer

Während der große Pakt also die Schulen fit machen soll für das 21. Jahrhundert, hat das kleine Sofortprogramm ein kurzfristiges Ziel. Mit seinen 500 Millionen Euro soll es Schülerinnen und Schülern helfen, die weder ein Tablet noch einen Laptop haben - für den Fall, dass sie wegen geschlossener Klassen oder Schulen wieder zu Hause lernen müssen. Wie schnell das geschehen kann, haben in verschiedenen Bundesländern seit Beginn des neuen Schuljahrs viele Fälle gezeigt. Auch Bayern, erst seit vergangenem Dienstag aus den Ferien zurück, hat es bereits getroffen. Zurzeit befinden sich dort fast 2500 Schüler in Quarantäne.

Das unter dem Druck der Pandemie entstandene Sofortprogramm ist viel unbürokratischer als sein großer Paktbruder - und wird viel stärker nachgefragt. Fünf Länder haben die Mittel aus dem Programm inzwischen komplett bewilligt, fünf weitere sind nah dran. Das zeigt zehn Wochen nach dem Programmstart am 3. Juli eine Umfrage der Süddeutschen Zeitung unter den Kultusministerien (Grafik). Wie viele mobile Endgeräte aber tatsächlich bestellt und auch schon ausgeliefert worden sind, kann nur Hamburg beantworten. Von 40 000 Geräten, überwiegend iPads und Notebooks, sind 35 250 in den Schulen angekommen, wo sie seit Schuljahresbeginn an benachteiligte Kinder und Jugendliche ausgeliehen werden können. Die übrigen 4750 sollen "aufgrund von Produktionsengpässen", so das Schulministerium, bis zu den Herbstferien ankommen. Damit hat Hamburg sein Programmbudget (18 Millionen Euro) nicht nur komplett verausgabt, sondern könnte auch bald das erste Land sein, das jeden Euro in real existierende Hardware verwandelt hat.

Einen Vorteil hat die Hansestadt dabei: Sie muss nur mit einem Schulträger kooperieren - sich selbst. Seit die Schulen ihren Bedarf gemeldet haben, kann Hamburg die Beschaffung zentral regeln. Anders als Berlin. Dort hat es der Stadtstaat mit so vielen Schulträgern zu tun, wie es Bezirke gibt. Oder Nordrhein-Westfalen mit mehr als 5000 Schulträgern. Ohne ein vereinfachtes Verfahren - im Sofortprogramm muss keine Schule Medienkonzepte wie beim Digitalpakt schreiben - wäre das große NRW-Budget (160 Millionen Euro) kaum zügig zu verteilen. Wobei offen ist, wie zügig das Land dies schafft, denn wie viele Mittel schon bewilligt wurden, kann es der SZ nicht sagen. Der Bedarf ist jedenfalls groß: Laut einer Umfrage des WDR im August kommen in NRW auf 100 Schüler acht Tablets und drei Laptops.

Doch ist das Verfahren einfach genug, um schnellstmöglich für eine zumindest technisch gerechte Fernlehre zu sorgen? Nordrhein-westfälische Schulen müssen ihre Schüler zwar nicht einzeln auf Bedürftigkeit prüfen, Anträge bei den Bezirksregierungen müssen die Träger aber stellen. Baden-Württemberg dagegen verzichtet auf Anträge gleich ganz, dort wurden die Mittel direkt zugewiesen.

Der Druck durch die Corona-Bildungskrise zeigt sich auch im finanziellen Engagement der Länder. Mindestens zehn Prozent müssen sie zu dem Geld dazutun, das der Bund auf sie verteilt hat. Jedes zweite Land investiert mehr, Baden-Württemberg verdoppelt gar. Und Bremen gibt sogar elf Mal so viel dazu, denn es versorgt gleich alle Lernenden mit Geräten. In der Hansestadt ist jedes dritte Kind unter 15 Jahren von Grundsicherung abhängig.

In Göttingen hat Wolfgang Schimpf für seine Schule 40 Endgeräte bestellt. Er ist zuversichtlich, dass sie diese oder nächste Woche eintreffen. Weniger zuversichtlich ist er, dass seine 900 Schüler bald gleichzeitig online sein können, ohne dass das Netz zusammenbricht. "Das werde ich als Schulleiter nicht mehr erleben", sagt er. Im Sommer 2021 geht er in Pension.

© SZ vom 15.09.2020
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