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Home-Schooling:"Vor sieben Jahren waren wir viel zu früh dran"

Junge, Grundschüler, beim Home learning, Schulaufgaben machen, Fernunterricht, virtueller Klassenraum, Chat mit Lehrern

Nicht alle Schüler sind technisch gut ausgerüstet: Das Angebot muss auch auf Smartphones nutzbar sein.

(Foto: Jochen Tack/imago)

Home-Schooling-Apps boomen in der Krise. Sie unterstützen Schüler bei Hausaufgaben, vernetzen Schulen und Eltern. Noch klappt aber nicht alles.

Sie sind schon länger auf dem Markt, aber die Corona-Krise verschafft ihnen plötzlich Aufmerksamkeit: Start-ups und Unternehmen, die Schulen vernetzen, Schülern beim Lernen helfen, Lehrer entlasten wollen. "Vor sieben Jahren waren wir viel zu früh dran. Jetzt merken wir, dass die Schulen umdenken", sagt Benno Rott. Der Gründer von DieSchulApp kann sich freuen; am Tag nach den Schulschließungen im März meldeten sich zahlreiche Schulen bei ihm, um das Angebot des Münchner Unternehmens zu nutzen.

Das 2012 gegründete Start-up namens Virality ist eine Ausgründung der Münchner Ludwigs-Maximilians-Universität, Rott studierte dort am Institut für Informatik. Virality bietet Softwareprodukte, etwa für Versicherungen, so wird das bekannteste Produkt, eben DieSchulApp, querfinanziert. Die Anwendung vernetzt Lehrer und Schüler, die Sekretariate und Eltern. Letztere können ihre Kinder per App krankmelden und Elternbriefe empfangen. Die Schulen stellen Vertretungspläne ein, informieren per Push-Nachricht über Ausfälle. Und die Schüler können überprüfen, welche Hausaufgaben sie haben.

Für die Anbieter öffnet sich durch das Lernen zu Hause ein Markt. Und auch wenn der Unterricht nun schrittweise wieder aufgenommen wird, hat sich doch gezeigt, dass digitale Lösungen für Schulen und ihr Ökosystem dringend nötig sind. Die Frage ist nur, welche.

"Wenn wir ehrlich sind, haben wir keine Ahnung, wie digitales Arbeiten in der Schule in fünf oder zehn Jahren aussehen wird", sagt Peter Ganten. Sicher sei nur, dass es Möglichkeiten geben müsse, zu kommunizieren, auch videobasiert. Ganten ist Chef von Univention, einem Bremer Unternehmen, das ein Identitäts- und Berechtigungsmanagement für Schulen bietet. Die Plattform namens UCS@School wird etwa in Bremen, Hannover und Kassel genutzt. Sie verwaltet die digitalen Identitäten von Schülern, authentifiziert, stellt Wlan bereit, legt Dateien ab, administriert PC-Arbeitsplätze. Zusatzfunktionen können über Schnittstellen eingebunden werden.

Ganten empfiehlt, in Schulen nicht auf komplizierte Systeme zu setzen, die viel Einarbeitung brauchen. "Die Basisvoraussetzungen müssen jetzt für alle geschaffen werden, auch wenn es immer Schulen geben wird, die weiter vorne sind." Zudem brauche es in jeder Schule jemanden, der das Thema vorantreibt, die Schulleitung etwa oder auch ein Digitalbeauftragter. In den Bundesländern gebe es große Unterschiede, aber: "Es muss ja auch nicht jede Schule zum digitalen Vorreiter werden."

Das Problem: Bei der Digitalisierung der Schulen reden viele mit, die Erwartungen insbesondere an die Lehrer sind hoch, die Ausstattung dagegen schlecht. Über das Thema wachen je nach Zuständigkeit 16 Kultusministerien, Landesschulbehörden und zahlreiche Schulträger. Trotzdem fehlen Vorgaben, viele Schulen müssen eigene medienpädagogische Konzepte vorlegen, bevor sie überhaupt Fördermittel bekommen - dabei könnten die Ministerien durchaus einen Rahmen abstecken.

Datenschutz ist wichtig, die Regeln müssen aber erst festgelegt werden

Ganten, der auch Vorsitzender der Open Source Business Alliance ist, ein Netzwerk von Unternehmen, die Open-Source-Software entwickeln, plädiert für technische Grundregeln: Die durch die Anwendung generierten Daten müssen unter Kontrolle des Schulsystems bleiben, dürfen nicht genutzt werden, um Werbung zu schalten. Sie müssen von Organisationen und Unternehmen verwaltet werden, die unter europäischer Jurisdiktion stehen. Und Anwendungen mit offenem Quellcode stellen sicher, dass essenzielle Forderungen erfüllt werden können - Softwarefirmen dagegen beenden oft irgendwann den Support bestimmter Produkte.

Rotts Schul-App nutzen zahlreiche Schulen in Deutschland, aber auch eine deutsche Schule im Ausland. Sie schließen einen Vertrag mit Virality; die Kosten liegen zwischen 800 und 1500 Euro pro Jahr und werden in der Regel vom Schulträger gezahlt. Wichtig dabei: "Die Daten gehören der Schule, wir sind der technische Dienstleister." Teil des Vertrags ist die Erlaubnis, Daten im festgelegten Rahmen zu verarbeiten. Um die Software, Backups und Updates kümmert sich das 14-köpfige Virality-Team. Die Sekretariate pflegen die Daten und erteilen die Berechtigungen: Die Vertretungspläne für die Klasse 5A dürfen eben nur die Eltern der 5A sehen.

Zum fünften Mal schreibt die SZ den Gründerwettbewerb Gipfelstürmer aus. Die Finalisten pitchen im November beim SZ-Wirtschaftsgipfel in Berlin. Die SZ begleitet den Wettbewerb mit Salons in ausgewählten Städten. Mehr unter www.sz-wirtschaftsgipfel.de/gipfelstuermer.

Laut Rott entspricht der Betrag oft den Kosten, die zuvor für das Kopieren der Elternbriefe anfielen. Und letztere waren umständlich, denn die Kommunikation fand über die Schüler statt. Mit der App erreichen die Lehrer die Eltern direkt und bekommen schneller Rückmeldungen. "Grundsätzlich sehe ich das Smartphone als Chance für die Schulen, einen weiteren Kommunikationskanal anzubieten", so der Gründer.

Andere Anbieter kümmern sich um die Zeit nach dem Unterricht - Sofatutor etwa. In der Zeitrechnung vor Corona nutzten 1,5 Millionen Schüler pro Monat die Plattform, nun sind es mehr als eine Million pro Woche. Das Angebot orientiert sich an den Lehrplänen. Auf der Plattform sind mehr als 10 000 Videos zu finden, die im Schnitt bis zu 15 Minuten dauern. Die einzelnen Lektionen sind als Geschichten aufbereitet - lustig, aber theoretisch korrekt. Dahinter steht ein Team aus Lehrern, Grafikern, Motion Artists, aber auch Schauspielern, die als Erzähler durch die Filmchen führen. Zum Vertiefen gibt es Übungen, wer offline lernen möchte, kann sich die Aufgaben als Arbeitsblätter ausdrucken.

"Vor allem sind es die Eltern, die Sofatutor für ihre Kinder kaufen", sagt Gründer Stephan Bayer. Dafür zahlen sie 20 Euro pro Monat als Mitgliedsgebühr und können das gesamte Angebot nutzen. Eine Finanzierung durch Werbung lehnt er ab, das würde vom Lernen ablenken. Die meisten Videos werden zu den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch angeschaut - Kernfächer mit entsprechend viel Stoff. "Wir sind für jeden da, nicht nur für die, deren Versetzung gefährdet ist", betont Bayer.

Ein Team von 60 Lehrkräften ist im Chat verfügbar. "Wir entlasten damit die Eltern, die sonst als Hilfslehrer einspringen müssen", so der Gründer. Oft habe der Schüler ja schon 90 Prozent verstanden und nur eine konkrete Nachfrage. "Vater oder Mutter aber müssen erstmal die 90 Prozent aufarbeiten, bis sie vielleicht antworten können."

Bayer bezeichnet diese Methode als Durchbruch in der digitalen Bildung: "Vor zehn Jahren hat der Mensch so nicht lernen können." Und das Angebot professionalisiere sich jetzt. Insofern wird spannend, inwieweit die Nachfrage auch mit Beginn des neuen Schuljahres anhält.

© SZ vom 26.05.2020
Marin County Family Home Schools Their Children, As School Across Area Are Closed Due To Coronavirus

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