Schreibschrift Krampf in der Hand

Stirbt die Handschrift aus? Und wäre das so schlimm?

(Foto: imago stock&people)
  • Laut einer Umfrage unter mehr als 2 000 deutschen Lehrern hat die Hälfte aller Schüler Probleme, eine leserliche Handschrift zu entwickeln. Insbesondere mit der Schreibschrift haben viele Kinder Probleme.
  • Unter Bildungsforschern ist umstritten, ob die Schreibschrift, wie in Finnland oder der Schweiz, abgeschafft werden sollte.
Von Robert Gast, Berlin

Ein Kulturgut stirbt: Menschen schreiben immer seltener mit einem Stift auf Papier, von Einkaufszetteln, Liebesbriefen und Testamenten einmal abgesehen. Stattdessen tippen sie Texte in Computertastaturen oder tauschen Gedanken aus, indem sie virtuos über Smartphone-Displays wischen. Die Handschrift droht langsam aber sicher aus jenem Repertoire an Fähigkeiten zu gleiten, das Menschen im Leben brauchen.

Die Hälfte aller Kinder kann nicht leserlich schreiben

Schon länger verschaffen sich in Deutschland jene Gehör, die darin eine Bedrohung sehen. Zwei von ihnen haben am Mittwoch in Berlin die Ergebnisse einer Umfrage vorgestellt, die aufrütteln soll. Deutschlands Schüler hätten immer häufiger Probleme mit dem Handschreiben, verkündeten der Präsident des Deutschen Lehrerverbands (DL), Josef Kraus, und der Wissenschaftler Christian Marquardt. Das gehe aus einer nicht-repräsentativen Online-Umfrage hervor, an der mehr als 2000 Lehrer aus ganz Deutschland teilnahmen.

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Vier Fünftel der Umfrage-Teilnehmer, die sowohl an Grundschulen als auch an weiterführenden Schulen unterrichten, gaben an, die Handschrift ihrer Schüler habe sich in "den letzten Jahren" verschlechtert. Etwa die Hälfte der Jungen und ein Drittel der Mädchen hätten Probleme, eine flüssige und leserliche Handschrift zu entwickeln, schätzten die befragten Lehrer im Durchschnitt. Für DL-Präsident Josef Kraus ist das eine bedenkliche Entwicklung: Es gebe einen Zusammenhang zwischen Lernleistung und Güte der Handschrift, behauptete er.

Das Ende der "Schnürli-Schreibschrift"

Der Schulleiter aus Niederbayern ist schon öfter mit markanten Aussagen aufgefallen. In den 1990er-Jahren protestierte Kraus gegen die Rechtschreibreform. In einem 2013 erschienenen Buch kritisierte er die Verhätschelung des Nachwuchses. Nun will er um jeden Preis die Handschrift retten. Genauer gesagt: die Schreibschrift.

Bildungsdidaktiker fordern seit Längerem, Grundschüler sollten nur noch eine aus Einzelbuchstaben bestehende Druckschrift lernen, und nicht mehr in der zweiten Klasse auf eine geschwungene Schreibschrift umlernen müssen. Unter anderem in der Schweiz und in Finnland können Schüler künftig auf Schreibschrift verzichten - wohl auch, weil eine Studie unter Luzerner Viertklässlern ergeben hat, dass Schüler, die nur eine der Grundschrift ähnliche Basisschrift lernen, schneller und leserlicher schreiben als Gleichaltrige, die "Schnürli-Schreibschrift" lernen mussten.

Sprachbarbarei in der Pädagogik

Kraus hingegen fürchtet "Probleme mit der Gedächtnisleistung", wenn Schüler beim Schreiben motorisch weniger gefordert sind. Das ist für ihn aber nur Teil der gegenwärtigen Bildungsmisere: Statt Diktate gebe es Lückentexte und Multiple-Choice-Tests. "In der Pädagogik wird ein Stück weit Sprachbarbarei betrieben", sagte Kraus. Die Politik müsse die Feinmotorik in Grundschulen und Kitas stärker fördern.

Wie praktisch, dass er für die in Berlin präsentierte Online-Umfrage auf ein auf Schreibmotorik spezialisiertes Privatinstitut aus Franken zurückgreift. Es wird nicht nur von einem Stifte-Hersteller unterstützt, sondern bietet auch Seminare zum Thema Schreibmotorik an. Man habe bereits eine "Schreibmotorik-Box" entwickelt, die Kindern helfen könne, sagte Christian Marquardt.

Ein Privatinstitut empfiehlt also einen Service, den es selbst anbietet - ist das nicht eigenartig? Er sei nur der wissenschaftliche Berater des Instituts und habe kein Eigeninteresse, "außer dem wissenschaftlichen", sagt Christian Marquardt auf Nachfrage.

Zusammenfassen statt abschreiben

Aber wie schlimm ist nun eigentlich das Sterben der Handschrift? Forscher aus Princeton untersuchten 2014, wer mehr in einer Vorlesung lernt: Studenten, die per Hand mitschreiben, oder solche, die mit dem Laptop Notizen machen. Tatsächlich merkten sich die Studenten mit dem Stift die Zusammenhänge besser.

Laut der US-Forscher aber wohl deshalb, weil die Kommilitonen mit dem Laptop schneller schrieben - und deshalb dazu neigten, die Worte des Professors eins zu eins mitzutippen, statt das Gesagte in eigenen Worten zusammenzufassen. Das besser zu machen wäre auch etwas, was Kinder künftig in der Schule lernen könnten.