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Versäumter Lernstoff:Wolfgang, der Ferienschreck

"Das Urlaubskonto vieler Eltern dürfte durch die Krise jetzt schon strapaziert sein", sagt Wolfgang Schäuble.

(Foto: Emmanuel Dunand/AFP)
  • Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble schlägt vor, die Sommerferien zu verkürzen, um Unterrichtsstoff nachzuholen.
  • Dafür erntet er heftige Kritik, unter anderem aus dem Bundeselternrat.
  • Jedes Bundesland sucht unterdessen nach eigenen Konzepten, den Schulunterricht in den kommenden Monaten zu gestalten.

Was Anfang des Monats als Aprilscherz begann, ist plötzlich zum ernst gemeinten Vorschlag aus der hohen Politik avanciert: die Idee, die Sommerferien zu verkürzen. Drei Wochen länger Schule, um den coronabedingten Unterrichtsausfall nachzuholen - diese Meldung, versehen mit einem manipulierten Screenshot der Website Spiegel.de, machte am 1. April rasend schnell die Runde. Dabei hatte ein bayerischer Vater damit nur seine drei Kinder reinlegen wollen.

Einen solchen Bluff hatte Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) gewiss nicht im Sinn. Umso mehr Wirbel löste am Freitag sein Vorstoß aus: "Bis auf Ausnahmen bleiben die Schulen noch einige Zeit geschlossen. Daher frage ich mich, ob die Verantwortlichen in den Ländern darüber nachdenken, die Schulferien in der Sommerzeit etwas zu verkürzen", sagte Schäuble der Augsburger Allgemeinen. Viele Akteure aus Politik und Gesellschaft dürften diese Aussage mitten im schulischen Ausnahmezustand mit einem Stöhnen gelesen haben. Der Zuspruch für Schäuble ist jedenfalls nicht gerade groß.

"Absolut fatal" nennt es der Vorsitzende des Bundeselternrats, Stephan Wassmuth, solche Gedanken jetzt zu äußern. "Das bringt eine Mordsunruhe rein. Wir sind gerade dabei zu organisieren, dass ab Mai wieder einiges losgehen kann in den Schulen, da stören ständig neue Einzelmeinungen nur", sagte der Elternvertreter der Süddeutschen Zeitung. Für ein Tabuthema hält er Schäubles Vorstoß zwar nicht, man müsse "alle Möglichkeiten abklopfen, um den Kindern zu helfen" - aber eben gemeinsam mit den Beteiligten aus der Praxis und nicht am grünen Tisch ohne engen Bezug zur Realität.

Dabei hatten offensichtlich gerade praktische Erwägungen Schäuble zu seinem Vorschlag angeregt. "Das Urlaubskonto vieler Eltern dürfte durch die Krise jetzt schon strapaziert sein", sagte er. Deshalb könne er die verstehen, "die sich fragen, wie sie da noch sechs Wochen Sommerferien organisieren sollen". Zumal ja auch noch unklar sei, wann und wie man im Sommer überhaupt verreisen könne.

Argumente, die nicht nur den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) unbeeindruckt lassen. "Bayern denkt nicht über eine Verkürzung der Sommerferien nach", sagte er am Freitag klipp und klar. Auch aus den Reihen der SPD kam Ablehnung. Deren Vizechef Kevin Kühnert wies darauf hin, dass die derzeitige Situation für Familien mit Kindern extrem anstrengend sei. "Ich glaube, dass Erholung ein ganz wichtiger Faktor in so einem Stressjahr ist", sagte der Juso-Vorsitzende. Wenn es im Sommer möglich sei, wieder mehr rauszugehen und Freunde zu treffen, dann kämen die großen Ferien für Kinder wie Eltern gerade richtig. Ähnlich äußerte sich Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD), der in der Kultusministerkonferenz für die von SPD, Grünen und Linkspartei geführten Ministerien spricht. Eltern, die wochenlang Home-Office und das Lernen zu Hause organisieren müssten, nun auch noch bei den Sommerferien einzuschränken, findet er "nicht vernünftig".

Ganz allein bleibt Wolfgang Schäuble in der Debatte aber nicht. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) sagte am Freitag, verkürzte Ferien könnten "in Teilen geboten" sein, wollte jedoch keine Vorhersagen machen. Auch der Wissenschaftliche Beirat für Familienangelegenheiten beim Bundesfamilienministerium sprach sich für kürzere Ferien aus, damit Lerndefizite aufgeholt werden könnten. Schüler bräuchten in diesem Sommer viele Angebote, um gut ins neue Schuljahr zu starten.

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Tatsächlich konzipiere man bereits, wie Schülerinnen und Schüler Stofflücken auffüllen könnten, ließ Baden-Württembergs Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) wissen. Allerdings als "Zusatzangebote". Die könne er sich in den Ferien ebenfalls vorstellen, erklärte ihr Hamburger Kollege Rabe, "auf freiwilliger Basis". Die Erziehungswissenschaftlerin Susanne Lin-Klitzing meint dagegen, diese Aufgabe solle man später angehen: "Konkret im neuen Schuljahr bei jedem Schüler festzustellen, was in welchem Fach fehlt, und dann in der konkreten Lerngruppe mit zusätzlicher Förderung daran anknüpfen - das ist Hilfe für das, was im kommenden Schuljahr ansteht", sagte die Vorsitzende des Deutschen Philologenverbandes der SZ.

Auch Udo Beckmann warnt davor, die Sommerferien anzutasten. "Diese Debatte bringt überhaupt nichts. Lasst uns jetzt in Ruhe den zwischen Bund und Ländern ausgehandelten Fahrplan abarbeiten und die Schulen langsam wieder hochfahren", sagte der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) der SZ. Im Übrigen, so der frühere Leiter einer Hauptschule, sei die Debatte ohnehin zum Scheitern verurteilt. "Wer weiß, was für ein Gezerre es immer wieder ist, wenn sich die Bundesländer auf eine Rotation bei den Sommerferien einigen müssen, kann jetzt nicht plötzlich einen Konsens erwarten."

Tatsächlich sind die Länder ungeübt im Umstoßen von Ferienplänen. Schon die Schweinegrippe 2009 hatte sie nicht dazu bewegen können. In Garmisch-Partenkirchen indes hatten Kinder 2015 immerhin zwei Pfingstferientage mehr. Der G- 7-Gipfel im benachbarten Schloss Elmau war der Grund.

© SZ vom 18.04.2020/cku
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