Refugee Teachers Program:In 18 Tagen aus Syrien nach Deutschland

Im August 2015, erzählt Al Khabbaz, kam ein Freund zu ihr und berichtete, dass die Armee ihn einziehen werde. Er haue ab, ob sie mitkommen wolle? Ihre Schwester lebte da schon in Berlin, und Al Khabbaz sagte sich: Jetzt oder nie. Zusammen kämpften sie sich über den Balkan bis nach Westeuropa durch, zwei Männer, drei Frauen. 18 Tage, bis sie am 4. September 2015 die deutsche Grenze erreichten und aus der Lehrerin Hend Al Khabbaz der Bürgerkriegsflüchtling wurde, ohne Arbeitserlaubnis, ohne Deutschkenntnisse, ohne Idee, wie es weitergehen sollte.

Per Bus wurde sie ins Aufnahmelager nach Eisenhüttenstadt verfrachtet, "das waren schreckliche Zustände dort", sagt sie. Mehr nicht. Lieber will sie über ihre Ankunft in Fürstenwalde reden. Nach drei Tagen saß sie im ersten Deutschkurs. "Die Sprache ist beste Material von uns Lehrern", sagt sie. Wenn sie schnell erzählt, holpert ihre Grammatik noch ein bisschen, dann hält sie inne und schüttelt den Kopf. "Wenn ich einen Fehler mache, finde ich das so peinlich." Irgendwann berichtete ihr Deutschlehrer von dem neuen Programm in Potsdam, und sie dachte: Da hast du keine Chance. 700 Männer und Frauen bewarben sich auf die Ausschreibung.

"Wir hatten mit 15 Leuten gerechnet", erzählt Andreas Musil, Vizepräsident der Uni Potsdam. "Dann gab es den ersten Pressebericht, und plötzlich hatten wir Hunderte Bewerber." Was folgte, war das, was Musil "den Anruf meines Lebens" nennt. Er fragt im Wissenschaftsministerium um Hilfe nach, der Staatssekretär sagt "Machen wir" und verspricht 300 000 Euro für mehr als 80 Plätze. Einer geht an Al Khabbaz.

Der 4. Juli 2016 ist wieder so ein Tag, der sich in ihr Gedächtnis eingebrannt hat. Es ist der Tag, an dem es für Al Khabbaz losgeht in Potsdam: Am Anfang fünfmal die Woche Deutsch, später auch Schulpädagogik, Fachdidaktik, ein begleitendes Praktikum. Auch den ganzen Sommer durch. Täglich fährt sie zum Campus am Neuen Palais, anderthalb Stunden die einfache Fahrt. Einige Kursteilnehmer, die als Flüchtlinge über alle Landkreise Brandenburgs verteilt leben, haben es noch weiter.

Der Tag, an dem aus dem Bürgerkriegsflüchtling offiziell wieder die Lehrerin wird, ist der 26. September 2017, ein windiger Herbsttag. Alle sind gekommen zur Abschlussfeier des ersten Refugee-Jahrgangs: Unipräsident, Vizepräsident, Wissenschaftsministerin. Und hätte er nicht drei Stunden zuvor seinen Rücktritt eingereicht, hätte auch der Bildungsminister eine Rede beigesteuert. Sie sind gekommen, um Al Khabbaz und ihre Kommilitonen zu feiern, und ein bisschen sich selbst.

Pädagogik, Didaktik – und Deutsch

Das "Refugee Teachers Program" an der Universität Potsdam gibt es seit Frühjahr 2016. Es soll geflüchtete Lehrer auf ihren Einsatz an deutschen Schulen vorbereiten. Von mittlerweile über 1000 Bewerben konnten bislang 80 Männer und Frauen in dem Qualifizierungsprojekt starten, 28 Teilnehmer der ersten Kohorte sind Ende September offiziell in die Schulen verabschiedet worden, die meisten davon stammen aus Syrien.

Abhängig von den sprachlichen Vorkenntnissen dauert das Programm bis zu 18 Monate lang. Im ersten Semester steht ausschließlich Deutschunterricht auf dem Stundenplan, 24 Stunden pro Woche. Im zweiten Halbjahr reduziert sich das Sprachenpensum auf acht Stunden, hinzu kommen ein Seminar "Einführung in die Schulpädagogik" und ein wöchentlicher Hospitationstag an einer Brandenburger Schule. Je nach Bedarf werden Fachdidaktikkurse angeboten. Im dritten Semestern ist dann wieder Deutschunterricht in Vollzeit angesagt.

Lange bewarb die Universität Potsdam ihr Programm als "deutschlandweit einzigartig", mittlerweile sind andere Universitäten wie die Universität Bielefeld nachgezogen. Die Brandenburger Wissenschaftsministerin Martina Münch spricht von einem "erheblichen Bedarf" für "solche innovativen Programme". Insgesamt investiere ihr Ministerium allein 2017 1,2 Millionen Euro, um Flüchtlingen den Zugang zum Hochschulsystem zu ermöglichen.

Die Absolventen des Programms arbeiten jetzt auf Vollzeit-Basis in Brandenburger Schulen, behalten allerdings ihren befristeten Aufenthaltsstatus. Sie werden als zusätzliche Integrationslehrer im Team-Teaching eingesetzt. Jan-Martin Wiarda

Denn so naheliegend Miriam Vocks Idee war, so einzigartig sind die Potsdamer lange mit ihrem Projekt geblieben. Was Vock zum Schwärmen veranlasst, welch schlagkräftige Organisation ihre Universität sei, wenn alle mitzögen: vom International Office über das Sprachenzentrum und das Zentrum für Lehrerbildung bis hinauf zum Vizepräsidenten. Noch bemerkenswerter ist, dass auch alle beteiligten Behörden mitgemacht haben, ausnahmsweise: das Sozialministerium, die Ministerien für Wissenschaft und Bildung, die Schulämter. Erst allmählich ziehen anderswo Universitäten nach, Bielefeld etwa mit dem Programm "Lehrkräfte Plus".

Eine Urkunde, ein Händeschütteln, ein Foto. Und wie Al Khabbaz so dasteht auf der Bühne, zwischen all den Honoratioren, könnte man denken: Sie ist am Ziel. Aber nur für den Moment. Denn sie will weiter. Ein Jahr voll arbeiten, dann zurück an die Uni, ihr deutsches Staatsexamen machen. Eine Aufenthaltsverlängerung erhalten, ihre eigenen Klassen unterrichten. Am liebsten in Fürstenwalde, sagt sie, die eigentlich nach Berlin wollte. Die meisten Leute seien nett hier. Klar gebe es auch die anderen, die Nachbarin etwa, die wegschaut, wenn sie ihr im Hausflur begegnet. "Aber wissen Sie, auch das ist eine Frage der Bildung", sagt Al Khabbaz, fast zu abgeklärt. "Viele Menschen haben selbst nicht viel."

Wenn man sie nach einem Wunsch an die Politik fragt, muss die Lehrerin nicht lange überlegen. "Lasst die vielen Flüchtlinge nicht so lange herumsitzen", sagt sie. Sie wollten ihren Platz in der Gesellschaft finden. "Die Chance zu arbeiten ist wichtiger als alle netten Worte."

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