bedeckt München 28°

Referendare:Keine Möglichkeit zur Verständigung

Wer robust und nicht zu empfindsam ist, mag damit irgendwie klarkommen und dem Prinzip folgen: Augen zu und durch! Ein Typ jedoch, der ohnehin dauernd reflektiert und sich daran gewöhnt hat, auch im Berufsleben nach Logik, Vernunft und guten Gründen zu suchen, kann dieses Spiel nicht lange durchhalten, ohne dass es Ärger gibt. So kam es auch.

Ein Fachausbilder erzählte und fragte offenkundig wirres Zeug; das jedenfalls ist Heinrichs Version, die mit dem Buch die Deutungshoheit über die Situation gewonnen hat (und damit nun ihrerseits Macht ausübt). "Was denkt ein New Yorker, wenn er in einen Hamburger beißt?" - Das ist nicht nur der rätselhafte Titel des Buches, sondern so lautete eine der Fragen, die der Ausbilder mit Blick auf ein Gedicht gestellt haben soll, um anschließend zu behaupten, "Hamburger" sei ein "Bruchwort, wo Kultur sich zeigt und verschwindet". Bitte?

Heinrich, die den Umgang mit komplizierten Begriffen, wie ihr Werk zeigt, gewiss nicht scheut, hielt das Gerede ihres Ausbilders für abstruses Zeug. Sie fühlte sich einem Mann ausgeliefert, der verrückte Fragen stellte und sich an seiner Macht ergötzte. "Es gab keine Möglichkeit für eine sprachliche Verständigung."

Eskalation in der Lehrprobe

Zur Eskalation führte ein Streit über eine Lehrprobe. In ihrem Unterrichtskonzept hatte es Heinrich gewagt, die Interpretation eines Romans, wie sie in einer Rezension der Zeit stand, zu hinterfragen. "Der Fachausbilder schäumte. Der Schulausbilder tobte: ,Als Referendarin sind Sie nicht befugt, den Redakteur einer angesehenen Wochenzeitung zu kritisieren!'"

Es kann natürlich überall vorkommen, dass zwei Menschen sich nicht verstehen. Und manchmal ist einer von beiden eben der Ausbilder oder der Chef. Muss man deshalb gleich ein philosophisches Buch darüber schreiben? Heinrich räumt ein, dass es auch positive Erfahrungen gab und zumindest ihr Fachleiter in Philosophie sie damals "gerettet" habe.

Sie glaubt aber, dass sich angehende Lehrer generell einem besonders perfiden System unterwerfen müssten: Solche Strukturen, so die Autorin, fänden sich sonst nirgendwo - es sei eine Form der Macht, die überhaupt keine Haltung mehr erkennen lasse. Tatsächlich kann man fragen, ob es gut sein kann, wenn Wohl und Wehe der Referendare so sehr von den Eigenheiten einzelner Ausbilder abhängen.

Irgendwie hat Caroline Heinrich das Referendariat dann doch abgeschlossen. Das ist nur wenige Jahre her; anschließend hat sie eine Weile als Lehrerin gearbeitet (dass sie dabei mit ihren Schülern ausschließlich in Form eines herrschaftsfreien Diskurses kommunizierte, kann man übrigens bezweifeln). Mittlerweile lehrt sie in Paderborn als Juniorprofessorin die Didaktik der Philosophie. In ihren Seminaren sitzen Lehramtsstudenten. Über ihr Buch spricht Caroline Heinrich aber nur, wenn sie jemand darauf anspricht.

© SZ vom 06.05.2013/zoey

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite