Plagiatsvorwürfe gegen Ministerin Der Fall Giffey ist eine Reifeprüfung für die Wissenschaft

Braucht eine gute Erklärung für die Mängel ihrer Doktorarbeit: Bundesfamilienministerin Franziska Giffey.

(Foto: Britta Pedersen/dpa)

Wirken all die neuen Schutzmauern gegen die Pest des Plagiierens? Der Umgang der Freien Universität Berlin mit der Doktorarbeit ihrer prominenten Absolventin wird es zeigen.

Kommentar von Roland Preuß

Es ist längst nicht sicher, dass Franziska Giffey ihren Doktortitel verlieren wird. Noch wird sie nur mit Plagiatsvorwürfen konfrontiert von Aktivisten, welche die Prüfung ihrer Doktorarbeit selbst noch nicht abgeschlossen haben. Ein Staatsanwalt würde sagen: Wir ermitteln noch. Und doch ist das, was man bereits gut dokumentiert im Netz findet, viel mehr als nur ein Anfangsverdacht. Sollten sich die Vorwürfe von Rechercheuren der Internetplattform Vroniplag Wiki erhärten, dann sieht es nicht gut aus für die Bundesfamilienministerin.

Wie bei vielen anderen Plagiatsfällen wirkt auch bei Franziska Giffey einiges recht kleinlich, was nun diskutiert wird. Mal hat sie hier eine Formulierung übernommen, ohne zu zitieren, mal da einige Halbsätze und fehlerhafte Fußnoten. Aber das ist offenbar nicht alles. Kann man es einer Dr. rer. pol. durchgehen lassen, wenn sie Passagen aus Wikipedia als Wissenschaftstext ausgibt, ohne dies zu kennzeichnen? Wenn sie fast eine Seite eines anderen Autors aus dem Englischen übersetzt, ohne das offenzulegen? Und was ist mit den zahlreichen Verweisen auf Quellen, die offenbar erfunden sind? Wenn Giffey hier nicht eine plausible Erklärung anbieten kann, sind das alles gute Gründe für eine Universität, ihr den Doktorgrad zu entziehen.

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In einer Doktorarbeit muss eine Autorin oder ein Autor unter Beweis stellen, dass sie oder er das wissenschaftliche Handwerk beherrscht. Dazu zählt, dass man alle Hilfsmittel, sprich fremde Vorleistungen, derer man sich bedient, angibt. Auch Giffey sichert das zu, gleich auf der vierten Seite ihrer Dissertation. Es gibt Interpretationsspielräume, aber allzu groß sind sie nicht. Die Plagiatejäger von Vroniplag Wiki arbeiten da mit strengen Maßstäben, doch sie arbeiten professionell. Sie dokumentieren genau, verlinken Quellen, begutachten nach dem Vier-Augen-Prinzip. Nicht zufällig wirken auch Hochschullehrer auf der Plattform mit. Ihr Urteil hat Gewicht: Plagiatsvorwürfe des Recherchekollektivs führten in Dutzenden Fällen dazu, dass der Doktorgrad aberkannt wurde - auch wenn die Hochschulen nicht in jedem Fall dem Urteil der Plagiatsaktivisten folgen.

Das liegt nun in den Händen von Giffeys Alma Mater, der Freien Universität Berlin. Der Fall Giffey ist auch eine Reifeprüfung. Die FU ist nun gefragt, die Vorwürfe rasch und kompetent aufzuklären und ihr Urteil dann transparent und überzeugend zu erläutern. Daran wird sich zeigen, inwiefern all die neuen Schutzmauern der Wissenschaft gegen die Pest des Plagiierens, die geänderten Promotionsordnungen, Richtlinien und Mahnungen der vergangenen Jahre wirken. Und ob sie ohne Ansehen der Person wirken.

Politisch kommt noch ein weiterer Aspekt ins Spiel. Zwei Ressortchefs aus Angela Merkels Kabinett mussten wegen ihrer Plagiate bereits gehen, Karl-Theodor zu Guttenberg und Annette Schavan. Der neue Fall aber erregt die Menschen weit weniger als die damaligen.

Es ist bezeichnend, dass dem Spiegel seine Geschichte nur eine Meldung auf Seite 21 wert war. Und wer am Freitag im Internet nach dem Thema Plagiate suchte, stieß auf manchen Nachrichtenseiten eher auf den Schmähpreis "Plagiarius", der für besonders dreiste Produktfälschungen verliehen wird, als auf den Fall Giffey. Politisch wird entscheidend sein, ob die Ermüdung siegt über die Prinzipien, die man in früheren Fällen so entschlossen bekräftigte.

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