Betrug im Studium Wird schon keiner merken

In einer Studie gab ein Großteil der befragten Studierenden zu, kürzlich an der Uni in irgendeiner Form betrogen zu haben.

(Foto: Steven Houston/Unsplash)

Akademischer Betrug ist an deutschen Unis alltäglich, Lehrende oft dagegen machtlos. Dabei könnten Hochschulen Plagiaten und Co. vorbeugen.

Von Matthias Kohlmaier

Wieder hat es einen Politiker erwischt. Die Freie Universität Berlin hat beschlossen, dem CDU-Bundestagsabgeordneten Frank Steffel den Doktorgrad zu entziehen. Der Politiker hat in seiner Dissertation zwar zu diversen Passagen Quellen angegeben, aber diese Angaben seien nicht ausreichend. Nach eingehender Prüfung findet die Hochschule, es sei nicht ersichtlich, "dass er wörtlich oder fast wörtlich Texte anderer Autoren in seine Dissertation eingefügt hat und in welchem Umfang".

Ob nun vorsätzlich oder aus Versehen: Plagiate waren und sind auch Jahre nach Karl-Theodor zu Guttenbergs Enttarnung Teil des hochschulischen Lebens. Und sie sind nur eine Disziplin akademischen Fehlverhaltens. Wer sich unter Lehrenden wie Studierenden umhört, bekommt den Eindruck, an deutschen Unis sei Betrug nicht nur an der Tagesordnung, sondern auch bis zu einem gewissen Grad geduldet. Spicken in Klausuren, Abgabe von erschwindelten Attesten oder plagiierten Hausarbeiten kommen offenbar ständig vor.

Konkrete Zahlen zu Betrug an Unis gibt es wenige, schon gar keine Untersuchungen über einen längeren Zeitraum. Eine der umfangreichsten Studien im deutschsprachigen Raum hat der Soziologe Sebastian Sattler erstellt. Für seine Fairuse-Studie wurden zwischen 2009 und 2012 mehrere Tausend Studierende gefragt, was sie sich im vergangenen halben Jahr hatten zu Schulden kommen lassen:

  • 37 Prozent hatten in einer Klausur abgeschrieben
  • 35 Prozent hatten Arbeitsaufgaben von Kommilitonen abgeschrieben
  • 31 Prozent hatten einen Spickzettel mit in eine Klausur genommen und 17 Prozent hatten diesen auch eingesetzt
  • 24 Prozent hatten Daten verfälscht oder verändert
  • 18 Prozent hatten plagiiert
  • 15 Prozent hatten unbegründete Atteste oder Ausreden verwendet, um Prüfungen oder Abgabefristen zu verschieben

Seitdem habe sich zwar an den meisten Hochschulen eine Menge getan, sagt Sattler heute, aber: "Mit einem Plagiat können Studierende leider nach wie vor in vielen Fällen recht einfach durchkommen." Vorhandene Möglichkeiten würden von den Lehrenden noch nicht konsequent genug genutzt: "Schon mit Suchmaschinen lassen sich viele Plagiate aufdecken, von dem Zusatznutzen spezieller Plagiatssoftware gar nicht zu sprechen." Das hat Sattler auch in einer weiteren Untersuchung vor einigen Jahren herausgearbeitet. Lehrende lassen sich demnach zwar ungern betrügen und sind auch bereit, gegen schummelnde Studierende vorzugehen. Diese Bereitschaft geht allerdings nur soweit, als sich der dafür nötige Aufwand in Grenzen hält.

Kurzum: Vor der Klausur Smartwatches und -phones einsammeln klappt; mit aller Konsequenz nach Plagiaten in der Hausarbeit suchen weniger. Das hat laut Sebastian Sattler zwei zentrale Gründe. Der erste liegt im System Hochschule begründet: "In der akademischen Welt muss man sich leider immer überlegen, wie man seine Zeit investieren möchte. Die Lehre ist nur ein Teil des Berufs, und gewiss nicht der, der die meiste Reputation bringt." Beurteilt werde man als Hochschulmitarbeiter mehr danach, "wie viele Drittmittel man rangeschafft und wie viel und wie gut man publiziert hat", sagt der Soziologe.