Medizinstudium:"Ungute Situation"

Anwaltskanzleien haben sich seit dem Karlsruher Urteil auf sogenannte Kapazitätsklagen spezialisiert, machen mit ihren Diensten Reklame. Auch die Frankfurter Studentin Benzinger verdankt ihren Studienplatz einem Gerichtsurteil. Nach ihrem Abitur mit Note 2,2 hatte sie sich zunächst zur Rettungsassistentin ausbilden lassen - und so vier Wartesemester gesammelt. Als diese nicht ausreichten, um direkt ins Studium zu wechseln, entschloss sie sich zur Klage. Gut 10 000 Euro investierte sie dafür, hatte aber Erfolg. Nun ist die Ernüchterung groß. Mit "viel Elan" sagt sie, habe sie sich in ihr Studium gestürzt - von der Hochschule fühlt sie sich alleinegelassen.

"Eine Sackgasse, die niemandem hilft"

Die Uni Frankfurt verweist die Studentin und ihre exmatrikulierten Kommilitonen auf das übliche Procedere: Der Teilplatz sei nun mal zu Ende - entweder man bewerbe sich bei anderen Unis direkt für die klinischen Fachsemester oder man nehme über die Stiftung erneut am Vergabeverfahren für einen Vollstudienplatz teil.

Doch: Hier würde ja wieder ihre Abiturnote zählen, viele Bewerber müssten wohl wieder Wartesemester erwerben. Robert Sader, Dekan für den klinischen Studienabschnitt in Frankfurt, spricht von einer "unguten Situation". Er habe Verständnis für die Lage der Betroffenen. Tun könne er aber nichts. Darüber hinaus sei die Situation ja "nicht von heute auf morgen entstanden". Vielmehr hätten die Studenten das Risiko von Anfang an gekannt. Er sieht vor allem die Anwälte in der Pflicht, ihre Mandanten umfassender aufzuklären. Doch ob eingeklagt oder per regulären Teilstudienplatz: Jahr für Jahr stehen junge, motivierte Menschen vor zugesperrten Türen ihrer Fakultäten, machen ein Studium als halber Arzt und müssen dann bangen, warten - oder kreativ sein. Ein Teil der ehemaligen Teilstudenten, so hört man, wechselt zum klinischen Abschnitt an Universitäten im Ausland. Die Universität Göttingen, an der aktuell 64 Studenten mit Teilstudienplatz exmatrikuliert sind, hat eigens eine Beratung für Betroffene eingerichtet.

Andreas Botzlar, Vize-Vorsitzender des Marburger Bundes, sieht in den Teilstudienplätzen "eine Sackgasse, die niemandem hilft". Der Verband fordert eine Reform des Medizinstudiums, die nicht nur mehr Plätze schafft, sondern auch einheitliche Kapazitäten für beide Abschnitte gewährleistet, die klinischen Lehrkapazitäten also ausbaut. "Jeder, der ein Medizinstudium anfängt", so Botzlar, "muss auch die Chance haben, es zu Ende zu führen."

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