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Europäische Hochschulen:Große Pläne und wenig Geld

French President Emmanuel Macron delivers a speech to set out plans for reforming the European Union at the Sorbonne in Paris

In einer Rede vor hunderten Studenten in der Pariser Sorbonne schlug Frankreichs Präsident Emmanuel Macron im September 2017 die Schaffung der Europäischen Universitäten vor.

(Foto: Reuters)

Zwei Jahre nach Emmanuel Macrons Vorschlag gibt es bereits 17 Europäische Hochschulen. Bald könnten es 40 sein. Ein voller Erfolg? Nicht ganz, denn sogar siegreiche Bewerber sind ernüchtert.

Am erstaunlichsten war das Tempo. Im September 2017 schlug Frankreichs Präsident Emmanuel Macron die Gründung sogenannter Europäischer Universitäten vor. Im Oktober 2018 veröffentlichte die Europäische Kommission die Wettbewerbsausschreibung. Und im Juni 2019 wurden sie gekürt, die ersten 17 Netzwerke die den Titel "Europäische Hochschule" tragen dürfen. 21 Monate alles in allem. Als hätte die kriselnde EU, die oft so zögerlich rüberkommt, auf ein Projekt gewartet, das sie wieder strahlen lässt.

Und strahlend war das Bild, das Macron, neben ihm die Tricolore und die Europaflagge, vor Hunderten Studenten in der Sorbonne-Universität gezeichnet hatte: Universitäten aus mehreren Ländern Europas sollten sich zu Verbünden zusammenschließen und "einen Studienverlauf schaffen, in dem jeder Studierende im Ausland studiert und Seminare in mindestens zwei Sprachen belegt. Europäische Universitäten, die auch Orte pädagogischer Neuerung und exzellenter Forschung sind". Europa müsse sich verpflichten, mindestens 20 Netzwerke bis 2024 zu schaffen.

"Ernüchternd"

Heute klingt Macrons Zahl fast unambitioniert angesichts der 17 Europäischen Hochschulen, die schon jetzt entstanden sind. Nach der zweiten Ausschreibung im Herbst könnten es 40 sein. Hat Europa sogar Frankreichs Präsidenten übertroffen, der sich dem innenpolitischen Gegenwind mit immer flammenderen europäischen Visionen entgegenstemmt?

"Na ja", sagt Eva-Maria Feichtner, Konrektorin für Internationalität und Diversität der Universität Bremen. "Die Summe, die pro Partner und Jahr bei uns herumkommt, ist schon ernüchternd."

Fünf Millionen Euro für drei Jahre spendiert die EU pro Netzwerk, macht bei durchschnittlich sieben Partnern 240 000 Euro pro Jahr und Hochschule. Womöglich hatte Macron ja andere Beträge im Kopf, was 20 Verbünde tatsächlich zu einem ehrgeizigen Ziel gemacht hätte. Doch der EU-Kommission war die schnelle Verbreitung der Idee offenbar wichtiger als ihre ausreichende Finanzierung. Mehr Geld, heißt es, soll es geben, sobald die Pilotphase mit den zwei Ausschreibungen vorbei ist.

In Bremen war der Enthusiasmus trotzdem groß, als sie vom Wettbewerb hörten. Die Universität gehört zum Young European Research University Network, kurz Yerun, zusammen mit 17 anderen Forschungsuniversitäten, die erst in den letzten 50 Jahren gegründet wurden. Sie betreiben ein Lobby-Büro in Brüssel, man trifft sich regelmäßig, um sich über die heißen europäischen Themen auszutauschen: EU-Programme vor allem, die Förderung von Unternehmertum und Startups oder auch, wie Konrektorin Feichtner sagt, der "ganze Lehre-Studium-Bereich".

Klar, dass die Bremer und ihre Partner Europäische Hochschule werden wollten. Doch ist die Geschichte ihrer Bewerbung auch Beispiel dafür, wie am Schreibtisch formulierte Ausschreibungslogiken die moderne Hochschulwelt umformen. Denn das 2015 gegründete Yerun mit seinen 18 Mitgliedern war zu groß für den Wettbewerb. Und, weil eine osteuropäische Partnerhochschule im Verbund fehlt, nicht ausreichend über den Kontinent verteilt.

Drohen abgeschlossene Clubs?

Yerun gibt es weiter, aber das Netzwerk, mit dem Bremen sich bewarb, hieß anders: Yufe, Young Universities for the Future of Europe. Es passte perfekt zur Ausschreibung. Nur sieben Yerun-Hochschulen waren dabei, dazu die Universität Zypern. Man kann sich vorstellen, dass es komplizierte Gespräche unter den Yerun-Partnern gewesen sein müssen, wer mitmachen kann und wer nicht. Feichtner erzählt lieber davon, dass alle Yerun-Mitglieder, die sich als Europäische Hochschulen beworben haben, erfolgreich waren, "ob bei Yufe oder anderswo". Gemeinsam, sagt sie, wolle man "der Mobilität in Forschung und Lehre eine neue Qualität verleihen". "Offen und inklusiv" soll Yufe sein, "und den intensiven Austausch mit Wirtschaft und Gesellschaft pflegen".

Es ist zu früh, um einzuschätzen, welchen inhaltlichen Beitrag die Europäischen Hochschulen leisten können. Auch wenn die Kommission die Vielfalt der Konzepte preist, manche disziplinenübergreifend, andere mit Fokus auf Nachhaltigkeit, Sozialwissenschaften oder globale Gesundheitsfragen: Auf dem Papier klingen viele der Versprechen und Buzzwords ähnlich. Entsteht am Ende doch eine europäische Kopie der deutschen Exzellenzinitiative, wie Kritiker befürchtet haben?

Die linke Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke etwa sagt: "Bei einer Idee, die von Macron mit seinem elitären Verständnis stammt, gehen bei mir automatisch die Alarmglocken an." Wenn das Projekt wieder nur dazu diene, auf europäischer Ebene irgendwie mit Harvard & Co. konkurrieren zu können, werde es scheitern. Gohlke sagt, ihre Vision einer europäischen Uni sei eine andere gewesen: eine Zuflucht für verfolgte Wissenschaftler aus aller Welt.

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Andreas Keller von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft dagegen sagt, den Vergleich zur Exzellenzinitiative "würde ich heute nicht mehr ziehen". Die Kritik der europäischen Bildungsgewerkschaften habe gewirkt. Anfangs hätten einige von Neugründungen einzelner Eliteuniversitäten schwadroniert, doch die Bildung vieler Netzwerke aus schon 114 Hochschulen und einem Schwerpunkt auf der Lehre gehe in die richtige Richtung. "Es hätte also schlimmer kommen können." Allerdings bestehe die Gefahr, dass abgeschlossene Klubs entstünden. "Die Idee von Bologna ist, dass alle ihre Abschlüsse gegenseitig anerkennen und nicht nur die ausgewählter Partner." Und bei aller demonstrativen Breite der Ausschreibung, sagt Keller, sei eine Schieflage bei der Auswahl der Gewinner nicht zu übersehen.

Tatsächlich sind die Forschungsuniversitäten aus Nord- und Westeuropa überrepräsentiert. Allein 15 deutsche Hochschulen waren erfolgreich. Nur Frankreich hat noch eine mehr durchbekommen, was wieder mit Macrons Europa-Ehrgeiz zu tun hat: Er hatte einen Sonderbeauftragten für den Wettbewerb ernennen lassen. Erfüllen die wenigen Hochschulen aus Ost- und Südeuropa am Ende eine Feigenblattfunktion für die antragsstarken Unis aus Nord und West, die wieder mal die Fördermittel wie Magneten anziehen? Und wie wirkt sich eigentlich aus, dass einige EU-Staaten wie Deutschland und Frankreich eigene Ergänzungsprogramme aufgelegt haben, die auf Antrag das Budget der Siegerhochschulen aufstocken - aber nur der eigenen?

Die vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) neulich veröffentlichte Ausschreibung enthält sogar eine zweite Förderlinie für jene deutschen Hochschulen, deren EU-Anträge nicht genehmigt wurden. Sie sollen sich mit dem Geld fitmachen für die nächste Runde - allerdings nur wenn ihre Netzwerke eine gute EU-Bewertung bekommen hätten, betont Klaus Birk, Leiter der Nationalen Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit im DAAD.

Eine Wettbewerbsverzerrung? "Wir sind nicht das einzige Land mit einer eigenen Initiative", sagt Birk. Und: "Wir können ja nicht wollen, dass die deutschen Hochschulen nicht erfolgreich sind." Außerdem seien sie es immer zusammen mit ihren Partnern. Für den DAAD, sagt Birk, sei die eigene Ausschreibung eine logische Ergänzung der Förderung strategischer internationaler Hochschulpartnerschaften, die seit Langem eine große Resonanz finde.

Was Experten wie Birk indes gleich aufgefallen ist: Unter den 15 deutschen Gewinnern befand sich keine einzige Fachhochschule. Es habe, sagt Birk, auch kaum Bewerbungen gegeben. Was war da los?

15 deutsche Gewinner, keine einzige Fachhochschule

Ein Anruf an der Frankfurt University of Applied Sciences. Sie war eine der wenigen deutschen Fachhochschulen (von denen die meisten heute Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW) genannt werden wollen), die sich in der ersten Runde beworben haben, in einem schon 2016 nur von europäischen FHs gegründeten Verbund. Auch der trägt ein schnittiges Akronym als Namen, U!REKA, in der Wissenschaft ist das heute eben so Standard. "Das ist ja wie gemacht für uns Hochschulen für angewandte Wissenschaften, haben wir uns gesagt, als die Ausschreibung da war", erinnert sich Präsident Frank Dievernich. "Die Betonung der Lehre und der Regionen und des Transfers zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Das passte."

Als aus Brüssel trotz guter Bewertung eine Absage kam, ging die Suche nach den Gründen los. "Wir hätten keine Partner aus Süd- und Osteuropa involviert, wurde uns gesagt", sagt Dievernich. "Das kann man verstehen, aber wir wollten nicht vorschnell nur um der Ausschreibung willen das bestehende Netzwerk erweitern." Sich von der Antragslogik leiten lassen wollte man in Frankfurt also nicht. Plötzlich hieß es zudem, mehr Grundlagenforschung sei nötig. "Offenbar werden die Stärken von HAWs dann doch immer noch anders bewertet", sagt Dievernich. Er sieht aber auch strukturelle Gründe für die bisherige Antragsschwäche. FHs hätten nicht die personellen Kapazitäten wie Unis, um große Anträge einfach so zu stemmen, weshalb viele womöglich erst mal abgewartet hätten; zudem seien sie im Schnitt wohl weniger international vernetzt.

Was, betont Dievernich, für Frankfurt nicht gelte. Die Idee der Europäischen Hochschulen finden sie in Frankfurt immer noch gut. Dievernich ist überzeugt, dass da keine Eliteklubs entstehen und in der zweiten Runde deutsche Fachhochschulen dabei sein werden. Der Hochschulchef gerät richtig ins Schwärmen, wenn er über den Wettbewerb spricht, er redet von "einer Gelegenheit, Europa zu stabilisieren in einer Zeit, in der Europa alles andere als stabil ist". Darum bewerben sie sich jetzt beim DAAD um Fördermittel, polieren ihren Antrag auf - und starten den zweiten Versuch.

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