Der Schönling

Das macht ihn aus:

Das Spannreck ist seine Bühne - die einzige, die ihm geblieben ist. Denn zu einer Karriere als Model oder Kunstturner hat es leider nicht gereicht. Beides würde der Schönling so aber nicht darstellen: Lehrer sein ist seine Passion. Nirgendwo sonst wären ihm schließlich die Ahhhs und Ohhs für seine Auf- und Umschwünge so sicher wie bei den Mädchen der zehnten Klasse. Die Jungen, freilich, hassen den gut riechenden, durchtrainierten und leider vollkommen unverpickelten Aufmerksamkeitsheischer. Dafür weckt er ihren Ehrgeiz: Sollen die Mitschülerinnen ihnen ruhig seinetwegen beim Fußballspielen zusehen - wer den Schönling ausdribbelt, hat vielleicht selbst noch eine Chance.

Das tut er, um die Klasse zum Schweigen zu bringen:

"Die Zeit, die wir jetzt warten müssen, ziehe ich euch vom Fußballspielen ab, Ben und Luca!"

Das sagt er beim Elterngespräch:

"Natürlich erwarte ich nicht, dass Ihr Sohn die gleichen Leistungen erbringt wie ein studierter Sportler. Die vorgeturnte Kür war lediglich als Ansporn gedacht - ohne Hilfestellung wäre es unverantwortlich, Kinder solche Übungen turnen zu lassen." (Das denkt er sich dabei: "Irgendwie musste ich dem vorlauten Prollo ja das Maul stopfen.")

So laufen Prüfungen bei ihm ab:

Mädchen, die sich Mühe geben (das machen bei ihm ohnehin fast alle) bekommen beim Gerätturnen mit Hilfestellung eine Zwei. Die Jungen müssen die Übung alleine durchführen, bekommen die Zwei dann aus Gnädigkeit und nur dann, wenn sie nicht über ihre blauen Flecken jammern.

Bild: Illustration Jessy Asmus 8. Januar 2018, 05:122018-01-08 05:12:09 © SZ.de/mkoh/lho/liv