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Integration:"Ich hasse Streit"

CARE Integrationsprojekt KIWI kids

Zu Beginn des Kiwi-Workshops bekommen die Grundschüler Kärtchen mit Begrüßungsformeln aus aller Welt. Zeyad (links) und sein Mitschüler probieren die Kombination aus Handschlag und Verbeugung.

(Foto: Klaus D. Wolf/OH)

Ein Projekt hilft Grundschülern mit und ohne Fluchterfahrung, Konflikte friedlich zu lösen - und dabei fürs Leben zu lernen.

Für einen Moment herrscht Ratlosigkeit im Klassenzimmer: Aufgeregt drängen sich die neun- und zehnjährigen Mädchen der Deutschklasse drei und vier um eine Mitschülerin. Hier und da hört man ein genervtes Stöhnen: "Oh Mann!" Schon wieder hat ein Mädchen das Klopfsignal falsch weitergegeben. So wird das nichts mehr mit dem Sieg beim Teamspiel. Die Jungs aus der Konkurrenzmannschaft liegen schon zwei Punkte vorn! Aber dann haben die Mädchen eine Idee: Sie bitten Raeid Meri, den Coach, die Spielregeln für die Mitschülerin ins Arabische zu übersetzen. Daveen, so heißt das Mädchen, hört dem 46-Jährigen aufmerksam zu. Dann nickt sie und lächelt. Und auf einmal beginnen die Mädchen aufzuholen.

Manche der 14 Grundschüler, die an diesem Vormittag in der 2500-Einwohner-Gemeinde Wiesent nahe Regensburg am Kiwi-Kids-Projekt, einem Integrationsworkshop der Hilfsorganisation Care Deutschland, teilnehmen, sind seit gerade einmal drei Monaten an der Schule. So wie Daveen aus dem Irak. Andere lernen hier schon seit zwei Jahren zusammen.

"Wir gegen die" auf dem Schulhof

Die Kinder kommen aus Syrien und Katar, aus Weißrussland und Bulgarien. Im Nachbarort Wörth an der Donau steht eine der großen Flüchtlingsunterkünfte der Oberpfalz. Manche sind mit ihren Eltern vor Krieg und Verfolgung geflohen, für ein besseres Leben sind sie alle gekommen. Kaum einer konnte bei der Ankunft ein Wort Deutsch. Viele sind deshalb froh, wenn sie in der neuen Umgebung auf Mitschüler treffen, die ihre Muttersprache sprechen, vielleicht sogar aus ihrem Heimatland stammen.

Das ist verständlich, birgt aber auch die Gefahr, dass die Kinder sich in der neuen Umgebung abkapseln. "An Grüppchen ist erst mal nichts verwerflich", sagt die Jugendsozialarbeiterin Angelika Hilpert, "problematisch wird es erst, wenn die Gruppe niemanden mehr hereinlässt." Wenn es auf dem Schulhof "Wir gegen die" heißt, Syrer gegen Afghanen, Deutsche gegen Nicht-Deutsche, wie Hilperts Kollegin Ulrike Aschenbrenner erklärt. Dann können sich alltägliche Konflikte vertiefen, weil das Verständnis füreinander fehlt.

Die beiden Jugend-Sozialarbeiterinnen betreuen die Dritt- und Viertklässler bei Streitereien und Problemen mit Mitschülern. Wenn es den Verdacht auf häusliche Gewalt gibt, machen sie Hausbesuche bei den Familien. Die beiden Frauen waren es auch, die sich dafür einsetzten, etwas Neues an die Schule zu holen. Etwas, das es so bisher noch nicht gab. Einen mehrtägigen Workshop zu interkulturellem Lernen, der sich an Lehrer, Sozialarbeiter, Eltern und die Schüler selbst richtet, und bei den Kindern schon im Grundschulalter ansetzt.

"Der Ansatz lohnt sich", sagt ein Schulpädagoge

"Je früher man anfängt, umso besser gelingt die Integration", sagt Leonie Kutz. Die 26-Jährige mit den hochgezwirbelten blonden Haaren leitet zusammen mit Raeid Meri als Projektcoach den Workshop an der Grundschule Wörth-Wiesent. Das Kiwi-Konzept basiert darauf, mit Geschichten und Gruppenübungen Verständnis zwischen Kindern aus unterschiedlichen Kulturen aufzubauen. Und auf diese Weise Konflikten vorzubeugen oder sie im Streitfall leichter zu lösen.

"Der Ansatz lohnt sich", sagt Hermann Josef Abs. Der Schulpädagoge von der Universität Duisburg-Essen hat das Kiwi-Integrationsprojekt für die Sekundarstufe evaluiert, den großen Bruder des neu gestarteten Grundschulprojekts, an dem bundesweit schon 25 000 Schüler teilgenommen haben. Die Workshops schaffen die sozialen Voraussetzungen, damit Kinder mit Flucht- und Migrationserfahrung ihre Schulleistungen steigern können, sagt Abs - indem sie sich sozial angenommen fühlen und Selbstbewusstsein aufbauen.

Dafür steht das Maskottchen, der Kiwi: Der neuseeländische Laufvogel kommt nicht nur vom anderen Ende der Welt, er hat auch keine natürlichen Feinde. Als spielerisch-didaktischer Stellvertreter für die Sorgen und Probleme, die bei Schülern in einer neuen Umgebung entstehen können, bildet die Handpuppe mit der weit gereisten Geschichte den roten Faden des Workshops. Mal überlegen sich die Schüler, was der Laufvogel beim Nestbau in neuer Umgebung braucht, mal lernt der Kiwi neue Freunde kennen. Mit seinem gelben, mohrrübenartigen Schnabel, dem flauschigen braunen Fell und seinen dünnen, in blau-weißen Ringelsocken steckenden Beinchen wollen die meisten der Grundschüler das Kuscheltier gar nicht mehr loslassen.

Die neunjährige Ryhita setzt ihn sich auf die Schulter, streicht von Zeit zu Zeit sanft mit der Hand über sein Fell. Das Mädchen mit der großen schwarzen Brille ist aus Weißrussland in eine oberpfälzische Flüchtlingsunterkunft gekommen. "In Russland sagen alle, dass Roma klauen", sagt sie. In Deutschland sei das besser, erzählt die Neunjährige, die später einmal Lehrerin werden will, und fügt hinzu: "Ich hasse Streit." Helfen ihr die Geschichten vom Kiwi dabei, besser mit Konflikten umzugehen? Ryhita überlegt einen Moment, dann sagt sie: "Man könnte, statt zu streiten, auch einfach fragen, warum möchtest du nicht meine Freundin werden?"

Einer ihrer Mitschüler, der zehnjährige Zeyad, erzählt, dass er manchmal Angst bekommt, wenn er in einer größeren Gruppe von Kindern ist. Angst, dass ein anderes Kind etwas kaputt macht, das ihm gehört. Zeyad ist im vergangenen Oktober aus Katar neu in die Klasse gekommen. Der Unterricht fällt ihm leicht, in der fünften Klasse will er die Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium machen. Wenn er in Zukunft wieder dieses mulmige Gefühl in der Gruppe hat, will er etwas Neues ausprobieren: "Ich kann zu dem Anderen sagen, mach das bitte nicht so, sondern mach es so - und dann klappt das." Man merkt den Kindern beim Kiwi-Kids-Projekt an, wie stolz sie auf ihren Mut sind, sich in einer neuen Sprache auszudrücken.

Deutschkenntnisse sollen auch die Mitschüler vermitteln

Gute Deutschkenntnisse sind der Schlüssel zu einem späteren Schulabschluss, der den Weg in das Arbeitsleben eröffnet. Deshalb ist das Erlernen neuer Wörter ein wichtiger Bestandteil des Workshops. Birgit Maierhofer, die Klassenlehrerin der Grundschüler, traut etwa einem Drittel ihrer Deutschschüler zu, später einmal eine weiterführende Schule zu besuchen. Für den Spracherwerb ist entscheidend, dass sich die Kinder in die Klassengemeinschaft einbringen, sich mit ihren Mitschülern austauschen, und so andere Denk- und Lebensweisen kennenlernen.

"Alleine die Lehrkräfte als Rollen- und Sprachvorbilder reichen nicht aus", sagt Iman El-Abdellaoui, "gerade wenn zu Hause kein Deutsch gesprochen wird." Die Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Grundschulpädagogik der Ludwig-Maximilians-Universität München war an der Konzeption der Kiwi-Unterrichtsmaterialien beteiligt. Neben dem Kuscheltier finden die Schüler in der Kiwi-Box ein Mitmachheft mit Arbeitsblättern und Wortschatzübungen zu Kinderrechten und zum Verhältnis zwischen Mädchen und Jungs.

Damit die Impulse aus dem Workshop nicht nach zwei Tagen in Vergessenheit geraten, hat das Care-Projekt auch ein Budget von 250 Euro. Die Wiesenter Grundschüler können das Geld zum Beispiel verwenden, um mit ihren Lehrern und Eltern ein Klassenfest zu organisieren. Es soll die Ideen des neuseeländischen Laufvogels auch in die Familien der Kinder tragen.

Schule Die Schule als Auffangnetz für Flüchtlingskinder

SZ-Serie "Schaffen wir das?", Folge 7

Die Schule als Auffangnetz für Flüchtlingskinder

230 000 Kinder und Jugendliche sind seit 2015 als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen. Wie lässt sich verhindern, dass sie die Verlierer von morgen werden? Besuch in zwei Schulen.   Reportage von Susanne Klein, Jena, und Paul Munzinger, Herne