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Integration an Schulen:"Mit mehr Geld allein wird nicht alles besser"

Grundschule Schmarl für Preis nominiert

An der Grundschule Schmarl in Rostock lernen circa 300 Mädchen und Jungen aus fast 20 Ländern. Im Bild: Eine Förderstunde im Fach Deutsch. (Symbolbild)

(Foto: picture alliance / Bernd Wüstne)

Mit Teach First Deutschland unterstützt Ulf Matysiak Schulen bei der Integration von Flüchtlingskindern. Ein Gespräch darüber, wie die gelingen kann.

Interview von Matthias Kohlmaier

Zehntausende Flüchtlingskinder mussten in den vergangenen Jahren im deutschen Bildungssytem integriert werden. Das hat, trotz der Mühen vieler Lehrkräfte, nicht überall reibungslos klappen können. Der Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) hat sich nun in der Studie "Schule als Sackgasse? Jugendliche Flüchtlinge an segregierten Schulen" mit dem Thema befasst.

Dafür wurden 56 Mitarbeiter der Organisation Teach First Deutschland befragt, die speziell an Schulen in sozialen Brennpunkten die Lehrkräfte unterstützen. Finanziert wird Teach First Deutschland dabei von den Ländern, Spenden und verschiedenen Partnerunternehmen. Geschäftsführer Ulf Matysiak erklärt, was sich bei der Integration an Schulen verändern muss.

SZ: Herr Matysiak, tut Deutschland genug, um geflüchtete Kinder und Jugendliche ins Bildungssystem zu integrieren?

Ulf Matysiak: Nein, leider nicht. Besonders zwei Aspekte machen mir große Sorgen.

Die wären?

Gerade wenn an einer Schule sehr viele Kinder mit Zuwanderungsgeschichte und aus sozial schwachen Familien zusammentreffen, greifen die Selektionsmechanismen des deutschen Bildungssystems. Einkommen und Bildungsstand der Eltern sind nach wie vor entscheidend dafür, wer einen guten und wer einen weniger guten Schulabschluss erreichen wird. Was das gerade für Geflüchtete bedeutet, ist ziemlich eindeutig.

Und der zweite Aspekt?

Sobald Geflüchtete die Vorbereitungsklassen verlassen, verschwinden sie ein wenig vom Radar. Einfach zu glauben, dass sie ihren Weg schon machen werden, nur weil sie es in den Regelunterricht geschafft haben, ist in meinen Augen naiv. Wir müssen diese Jugendlichen und die Schulen, an denen sie unterrichtet werden, weiter unterstützen.

Wie könnte diese Unterstützung aussehen?

Es braucht unbedingt differenziertere Unterrichtsangebote, um allen Schülern gerecht zu werden. Wer Inklusion und Integration zugleich stemmen will, kann nicht denselben Unterricht für alle 30 Schüler einer Klasse machen. Er muss individuell fördern - und das geht nur mit besserer finanzieller und personeller Ausstattung. Auch wenn mit mehr Geld allein natürlich nicht automatisch alles besser wird.

Wie sehen Sie die Rolle der Lehrkräfte bei der Integration von Flüchtlingen?

Arbeiten mit multikulturellen und multireligiösen Gruppen, Elternarbeit trotz Sprachbarrieren - darauf müssen Lehrkräfte gut vorbereitet sein. Das ist natürlich auch Aufgabe der Universitäten. Aber bis sich die neue Situation, die nach der starken Zuwanderung der vergangenen Jahre entstanden ist, in der Lehrerausbildung niederschlägt, werden Jahre vergehen. Das bedeutet, dass die Lehrer, die jetzt an den Schulen sind, unterstützt und weitergebildet werden müssen. Es funktioniert gewiss nicht so, dass Lehrer nur Wissen vermitteln, und die sozialpädagogischen Aufgaben erledigt jemand anders.

Das Problem der sozialen Durchmischung

Die Studie des SVR spricht auch von der mangelnden sozialen Durchmischung an Schulen. Was ist damit gemeint?

Ideal wäre es, wenn in jeder Klasse Kinder aus allen sozialen Schichten und mit den unterschiedlichsten Hintergründen aufeinandertreffen würden. Das ist aber kaum der Fall. Gut verdienende und gebildete Eltern ziehen teilweise lieber um, als das Kind auf die Schule im potenziellen Problembezirk zu schicken. Die Lösung für dieses Problem lautet: Schulen müssen ungeachtet ihres Standorts eine qualitativ hochwertige Bildung anbieten. Der Weg dahin ist zwar weit, aber für mich ist das das klare Fernziel.

Sie würden also Eltern nicht zwingen, ihre Kinder an diese oder jene Schule zu schicken, damit die Verteilung gleichmäßiger wird?

Nein, das würde nichts bringen. Man muss zusehen, dass gerade die Schulen in Brennpunkten in jeder Hinsicht top ausgestattet sind. Dann könnte sich die Frage der mangelnden sozialen Durchmischung im Klassenzimmer mittelfristig von alleine klären. Weil Eltern gar keinen Grund mehr hätten, eine bestimmte Schule zu meiden. Etwas plakativer: Wir brauchen ein Bildungssystem, in dem es nicht darauf ankommt, wo jemand herkommt, sondern wo er hin will. In so einem System wäre es dann im Prinzip auch egal, ob in einer Klasse besonders viele Kinder mit türkischen Wurzeln sind und viele Kinder, deren Eltern Hartz IV bekommen. Jedes Kind würde ideal gefördert.

Müssen Schulen kompensieren, was die Eltern nicht leisten können?

Absolut. Nur so hat jeder Jugendliche gleiche Chancen, später im Berufsleben etwas zu erreichen.

Mit Teach First Deutschland versuchen Sie, dazu einen Beitrag zu leisten. Ist es nicht eine Bankrotterklärung des staatlichen Bildungssystems, wenn es Organisationen wie die Ihre braucht?

So weit würde ich nicht gehen. Aber eigentlich müsste es natürlich das Ziel von Teach First Deutschland sein, dass wir langfristig nicht mehr gebraucht werden. Ich denke, man darf nicht so sehr verliebt in ein Problem sein, dass man es nicht mehr richtig beheben will. Ich glaube aber nicht, dass alle Probleme gelöst wären, wenn wir an jede Schule einige unserer Fellows schicken würden. Aber wir können unterstützen, vor allen Dingen solche Jugendliche, die es sonst auf dem Weg zum Schulabschluss schwer hätten. Und das sind speziell solche mit Fluchtgeschichte und aus schwierigen sozialen Milieus.

© SZ.de/edi/leja
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