Homosexualität als Schulthema Ressentiments muss die Politik mit Argumenten begegnen

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat in Baden-Württemberg bekanntlich die Politik des Gehörtwerdens ausgerufen - jetzt tut er gut daran, auch jene zu hören, die sich an der Regenbogenfahne auf dem Schloss stören. Klar, die Politik muss gegen Homophobie konsequent vorgehen und Gleichstellung entschlossen verfolgen. Aber sie darf Menschen, die alte Prägungen nicht so schnell abschütteln können, nicht als rückständige Waldschrate brandmarken.

Ihren Sorgen und auch ihren Ressentiments muss sie mit Argumenten begegnen, nicht mit einer Art Gegen-Empörung. Es würde auch helfen, wenn einige linke Aktivisten einfach mal zur Demo gehen könnten, ohne gleich schwarzer Block zu spielen.

Auf der Straße wird demonstriert, im Internet wird unterschrieben. Aber entschieden wird immer noch im Parlament. Im Stuttgarter Landtag hat nicht umsonst eine Koalition die Mehrheit, die sich sexuelle Toleranz schon im Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben hat. Und die CDU sollte sich dieser Tage daran erinnern, dass der erste bekennend schwule CDU-Bundestagsabgeordnete für sie gerade das Stuttgarter Direktmandat gerettet hat.

Eine Inbrunst, die manchmal frösteln lässt

Aufklärung ist ein Generationenprojekt, und sie fängt in der Schule an. Im Südwesten soll es künftig eben nicht um die "ideologische Umerziehung" gehen, vor der die Kritiker zittern. Diese Idee existiert nur in deren Köpfen. Das muss die Politik aber auch glaubhaft machen - man kann es wirklich übertreiben mit gender-theoretischem Formulierungswahnsinn.

Der verdeckt nur, dass es ganz schlicht um die Freiheit von Ideologie geht, um Toleranz und respektvollen Umgang. Denn wer will bestreiten, dass es Aufklärungsbedarf gibt? Dass "schwul" unter vielen Jugendlichen ein Schimpfwort ist? Dass Homosexualität für viele immer noch fremd ist und deshalb unheimlich?

Die radikalen Gegner der Stuttgarter Schulpläne wollen, dass das Fremde unsichtbar bleibt. Sie hoffen, dass Dinge verschwinden, vor denen man die Augen verschließt. Sie verteidigen den Eingang zu ihrer kleinen Welt mit einer Inbrunst, die manchmal frösteln lässt. Und sie liefern so selbst die besten Argumente, warum das Thema sexuelle Toleranz seinen festen Platz im Unterricht braucht.