Hochschulreform:"Wir wollen keine Roboter produzieren"

Der Rektor der Uni Siegen, Holger Burckhart, hat in das aktuelle Reformpapier die Ideen der HRK eingebracht. Sein Ziel hatte er schon zuvor so formuliert: "Es geht um akademische Bildung, wir wollen keine Roboter produzieren." Dazu gehöre, dass "eine weitere Verdichtung und Vereinheitlichung des Studiums zu vermeiden ist, wir müssen eher einen Abbau von Regelungen im Bachelor hinbekommen. Nicht jede Anwesenheitsminute darf mit einem Leistungspunkt versehen sein."

Zudem wollen die Reformer endlich eine bessere Vergleichbarkeit der Zeugnisse. Es gebe "unterschiedliche Notenkulturen an Hochschulen". Was beim einen Professor eine Eins ist, ist dem Kollegen andernorts womöglich nur eine Drei wert. Damit die Master-Zulassung gerechter verläuft und Arbeitgeber einen klareren Eindruck bekommen, soll mit der Bachelor-Note ausgewiesen werden, wie sich Noten im Jahrgang der Uni verteilen. 2017 solle die Noten-Statistik in jedem Zeugnis stehen. Das ist wichtig angesichts zunehmender Inflation von Bestnoten.

Davor hat erst vor ein paar Tagen die Professoren-Gewerkschaft Deutscher Hochschulverband (DHV) gewarnt. "In ganz vielen Fächern haben die Kollegen die Neigung, nur noch Bestnoten zu vergeben. Das ist eine fatale Entwicklung", sagte DHV-Präsident Bernhard Kempen der Welt. Analysen zeigen: 80 Prozent der Studenten schließen mit "gut" oder "sehr gut" ab. Wie viel sagt da eine Spitzennote aus? Auch unterscheidet sich der Schnitt im selben Fach je nach Uni um bis zu einer Note. Das Vorhaben der Reformer ist da jetzt ein echter Fortschritt.

Bachelor und Master

Eigentlich sollte die Bologna-Reform das Studentenleben erleichtern: Mit den Abschlüssen Bachelor und Master sollen Studenten problemlos zwischen den Universitäten Europas wechseln können, zudem sollten sie berufsorientiert studieren und schneller einen Abschluss in Händen halten. Die Bologna-Reform - 1999 von Europas Bildungsministern in der italienischen Stadt initiiert - hat die früheren Abschlüsse Magister und Diplom abgelöst, die meist eine Regelstudienzeit von neun Semestern hatten. Stattdessen kam das sechs Semester dauernde Bachelorstudium. Auf diesen ersten Abschluss, der bereits in den Beruf führen soll, kann ein Masterstudium (meist vier Semester) folgen.

Systematisch wurden seit Beginn des Jahrtausends Studiengänge verändert, die Umstellungsquote hierzulande liegt bei 90 Prozent. Alle Bologna-Staaten haben das "European Credit Transfer and Accumulation System" (ECTS) eingeführt, um Leistungen besser zu messen und international vergleichbar zu machen. Wurde früher nur die Dauer eines Seminars (Semesterwochenstunden) erfasst, wird mit der Punkte-Währung auch der Aufwand für Vor- und Nachbereitung festgestellt ("Workload"). Ein Student belegt heute Module statt Seminare und sammelt in sechs Semestern so viele Punkte wie für den Bachelor nötig. Einzelne Module werden benotet und fließen in die Abschlussnote ein. Das macht Studieren stressiger. Zumal man sich, wenn man eine Spezialisierung im Master anstrebt, eigens bewerben muss und meist gute Bachelor-Noten braucht. Johann Osel

Es ist nicht das erste Mal, dass der Bachelor angepackt wird. Es droht aber keine Revolte wie bei den Studentenprotesten 2009, als Studenten Hörsäle besetzten, demonstrierten. Im Fokus war da die starre Bachelor-Struktur, volle Stundenpläne: Bei der Einführung neuer Studiengänge hatten Fakultäten einfach die Inhalte vormaliger Diplome und Magister übertragen. Jeder Professor war der Ansicht, dass sein so wichtiges Fachgebiet auf keinen Fall gekürzt werden dürfe. Aufgeschreckt durch den Protest beriefen die Hochschulen Bologna-Beauftragte, luden zu "Werkstätten", Dozenten und Studenten sollten prüfen, wo man entschlacken kann, Studiengänge, wie es oft hieß, "studierbar" machen. Ein heikles Terrain: Alles, was man streicht, mag vielleicht Studieren angenehmer machen, reduziert jedoch die Fachlichkeit - was wieder den Vorwurf des "Schmalspurstudiums" befeuert.

Baustelle Nummer zwei, die Akzeptanz des Abschlusses, greift das Papier kaum auf. "Bachelorabsolventen machen Karriere", verkündete voriges Jahr Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU). Sie verwies auf eine Studie, die gute Perspektiven für Bachelor aufzeigte. Diese seien als Projektmitarbeiter gefragte Leute. Doch zeigen andere Studien: Fast alle Job-Ausschreibungen, die forschende Geister suchen, richten sich an Master. Natürlich landet nicht jede Bewerbung von Bachelors im Papierkorb, wie oft geunkt wird. Umfragen unter Personalern ergeben aber gedämpftes Lob. "Viele haben noch nie einen Text von 50 Seiten geschrieben oder sich in etwas hineinvertieft", sagt einer.

Für Medizin und Jura kann das Staatsexamen noch bestehen bleiben

Zudem hat sich der von Wanka behauptete Erfolg der Bachelor kaum herumgesprochen. Eine Mehrheit will den Master machen. Das Problem: Theoretisch gibt es genug Plätze, wenn die Leute vom Bodensee an die Nordsee wechseln nach dem Bachelor oder den Fachzuschnitt ändern. In der Realität ist bei nachgefragten Fächern selbst mit einer Zwei im Bachelor der Masterplatz an der Heimatuni nicht sicher. Derzeit setzen Hochschulen Quoten - auch aus Geldnot. Bei der Rekordzahl von fast drei Millionen Studenten wäre ein Master für alle nie und nimmer machbar.

Wenig hilfreich für das Renommee des Bachelor ist, dass die klassischen akademischen Berufe Arzt und Jurist am alten Staatsexamen festhalten (das Lehramt immerhin stellt Schritt für Schritt um). Hier wollten KMK und HRK ein Signal setzen. Im ersten Entwurf des Papiers vom Sommer 2015, den die SZ einsehen konnte, hieß es noch: Alle Studiengänge, auch die für Juristen und Mediziner, sollen zu Bachelor und Master wechseln. Im aktuellen Text ist das nur "mittelfristig wünschenswert". Entweder hat die Reformer der Mut verlassen angesichts erwartbarer Konflikte. Oder es haben sich interne Kritiker durchgesetzt. Mecklenburg-Vorpommerns Minister Mathias Brodkorb (SPD) schrieb mal in einem Aufsatz: "Kein Politiker will von einem Bachelor-Mediziner operiert oder von einem Bachelor-Juristen vor Gericht vertreten werden. Schon gar nicht wollen die meisten Politiker, dass die eigenen Kinder von Bachelor-Lehrern unterrichtet werden."

Uni-Städte in Deutschland

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