bedeckt München
vgwortpixel

Fußballschule des SC Freiburg:"Man muss Fußball leben, jeden Tag"

"Sozialkompetenz, Ehrlichkeit, Ehrgeiz, Fleiß, Bescheidenheit." Das zeichne einen modernen Profi aus, sagt Hofgärtner. Ob er das auswendig lernen musste? "Das ist mir schon selbst eingefallen", sagt er in gespielter Empörung. Während er lächelt, tut sich kurz ein Grübchen in seiner Wange auf. "Ernsthaft", sagt er, "man muss Fußball leben, jeden Tag."

200 Kilometer von Freiburg entfernt, in Bad Wurzach, wurde Hendrik Hofgärtner von den Freiburger Spähern entdeckt. Mit 13 verbrachte er schon die Wochenenden in Freiburg, mit 14 zog er zu Hause aus. Seit er 15 ist, wohnt er nun in seinem Zwölf-Quadratmeter-Zimmer; er blickt auf Trainingsplätze, so weit das Auge reicht. Ihre Türen schließt die Schule nur zwei Wochen rund um Weihnachten. Wenn im Sommer die Saison zu Ende geht, geht die Schule weiter; wenn die Sommerferien beginnen, beginnt die Saisonvorbereitung.

Natürlich hatten Mutter und Vater Bedenken, aber Hendrik wollte dieses Leben, unbedingt. Mama brachte ihm noch das Bügeln bei, der Junge sollte ja ordentlich aussehen. Dann ließ sie ihn ziehen.

Hofgärtner trainiert viermal die Woche, zusätzlich jede Woche eine Einheit Krafttraining. Gerade bereitet er sich auf die Abiturprüfungen vor. Das Gymnasium, eine mit dem DFB kooperierende "Eliteschule des Fußballs", gewährt freie Zeit für Training und Spiele, bietet Nachschulung und Nachhilfe an, aber geschenkt wird den Fußballern nichts. Für manche, sagt Hofgärtner, sei jede Prüfung wie ein Finale.

Es tut weh, jeden Tag an seine Grenzen zu gehen. Hendrik Hogärtner hat Jungs erlebt, die das Heimweh nicht mehr aushielten. Er hat andere Jungs erlebt, die nicht mehr verzichten wollten auf Partys, auf Freunde. Er hat sie verstanden, aber er hat durchgehalten. Mittlerweile hat er einen Ausbildungsvertrag, dotiert mit 400 Euro monatlich - ein Taschengeld im Vergleich zu dem, was andere Vereine zahlen, aber immerhin -, und er wurde in die Nationalmannschaft seines Jahrgangs berufen.

Wenn die Jungs am Abend endlich Ruhe haben, gucken sie oft zusammen Fußball. Sieht Hofgärtner dann zum Beispiel den 19-jährigen Schalker Max Meyer in der Champions League spielen, sind die dunklen Stunden schnell vergessen. "Dass diese Generation so gut ist, macht uns stolz. Wir sprechen immer wieder drüber: Vielleicht sind wir auch bald so weit."

Keinesfalls will Hendrik Hofgärtner über seine Chance spekulieren. Nach dem Abitur wolle er erst einmal ein Freiwilliges Soziales Jahr einlegen, sagt er. In einem Altenheim vermutlich.

Der Profi

Freiburger Fussballschule

Bundesliga-Torwart Oliver Baumann (links) spielt schon mal mit Anfänger Yannik Keitel.

(Foto: Jakob Berr)

Schlampige Genies, Sprücheklopfer, Selbstdarsteller haben keine Chance mehr. Die Bundesliga ist zur Bühne der Frühreifen geworden. Einen Kilometer von der Fußballschule entfernt, im Stadion an der Dreisam, hat die Profiabteilung des SC Freiburg ihren Sitz. Dort sind die Männer zu bestaunen, die in Yanniks und in Hendriks Alter ihre Träume nicht aus den Augen verloren, die Traumfabrik erfolgreich durchlaufen haben. Männer wie Oliver Baumann, 23, Torwart, seit 13 Jahren im Verein, Absolvent der Fußballschule.

Befragt man Baumann nach Namen wie Basler, Matthäus, Effenberg, nach der alten Generation und ihren Eskapaden - dann schweigt er. Ein überaus sympathischer Profi, blond und blauäugig, verschmitzt lächelnd. Aber lieber würde er sich die Lippe blutig beißen, als Vergleiche zu ziehen. Jeder Spruch, jeder Fehler kann einem zum Verhängnis werden; das Misstrauen haben junge Profis wie Oliver Baumann verinnerlicht, mit gutem Grund.

Es ist ja nicht nur so, dass sie eine alte Generation abgelöst haben - sie laufen jederzeit Gefahr, von immer jüngeren, besser ausgebildeten Konkurrenten verdrängt zu werden. Wer mit 18 einen Profivertrag unterschreibt, hat keine Gewähr, auch mit 25 noch Profi zu sein. Und erst in einigen Jahren wird man wissen, ob diese frühreife Generation ihren Beruf so lange ausüben kann wie die Vorgänger, oder ob sie früher ausbrennen, körperlich und geistig.

Das spektakulärste Spiel seiner Karriere findet Baumann mittlerweile kaum noch der Rede wert, dabei ist es erst ein halbes Jahr her. Drei Fehler, Slapstick fast, im Spiel gegen Hamburg führten zu drei Gegentreffern. Das schlechteste Spiel, das je ein Torwart bestritten habe, war zu lesen. Würde er daran zerbrechen? Oliver Baumann spielte eine Woche später, als wäre nichts gewesen. Mittlerweile wird spekuliert, ob ihn Hoffenheim oder vielleicht sogar der AC Mailand verpflichten wird. Woher diese Abgebrühtheit rührt?

Er findet Antworten am ehesten in seiner Erziehung beim SC Freiburg. "Nix Mama, nix Papa. Selber machen, hieß es bei mir", sagt Baumann, während er die Handschuhe vor sich auf den Tisch legt. Und dass zu den wesentlichen Lektionen gehöre, schonungslose Kritik zu ertragen, Fehler als Chance zu betrachten, sich zu entwickeln. "Das fällt anderen Leute bestimmt schwerer als uns Profis."

Wenn Oliver Baumann Kumpels trifft, die ausgestiegen sind aus der Traumfabrik, hört er am liebsten zu. Geschichten von draußen faszinieren ihn. Manchmal, sagt er, könne er sich gar nicht mehr vorstellen, dass man Spaß haben kann im Leben jenseits des Profifußballs. Der Gedanke scheint Baumann kurz zu beunruhigen. Dann streift er seine Handschuhe über.

Der Chef

Es bleibt ein Traumberuf, trotz allem. Der Ruhm. Das Geld. Das Bewusstsein, einer Elite anzugehören. Christian Streich, 48, wollte selbst Profi werden - bis ihm irgendwann ein Trainer erklärte, er habe zu dünne Beine für die Bundesliga, er solle sich einen anderen Job suchen. Nun sieht man Christian Streich jedes Wochenende als Trainer des Bundesligisten SC Freiburg an der Seitenlinie herumtoben. Selbst wenn er seinen Profis Zuneigung zeigen will, sieht das manchmal aus, als wolle er sie schlagen oder würgen.

Besucht man diesen Christian Streich in seiner Trainerkabine, trifft man einen nachdenklichen, grüblerischen Mann, gezeichnet von der Verantwortung, die er für den ganzen Verein trägt. "Grenzwertig" nennt er die Anforderungen, die er an seine jungen Profis stellt. "Aber es geht ja nicht anders." Absteigen, es wäre eine Katastrophe. Mit der Berufung von Streich, lange Jahre sportlicher Leiter der Fußballschule, zum Cheftrainer der Profis hat der Verein das Freiburger Modell auf die Spitze getrieben. Streich setzt noch mehr als alle seine Vorgänger auf die vereinseigenen Jungs.

Man kann sagen: Er liebt und bewundert jeden einzelnen, auch wenn er besonders streng zu ihnen ist, wie ein Vater, der immer nur das Beste will. Aber die Jungs, von denen er manche seit ihrer Kindheit kennt, haben nun ihren eigenen Kopf, haben Berater und Einflüsterer, und jedes Jahr drängt es die Besten hinaus aus Freiburg, wenn irgendwo das große Geld winkt. Oliver Baumann wird wohl der nächste sein. Vater Streich muss damit fertig werden, dass seine Familie jedes Jahr aufs neue auseinanderbricht. Wird nicht irgendwann auch er ein Zyniker im Umgang mit den Profis?

Es wird dunkel in der Trainerkabine, scharf zeichnen sich Licht und Schatten im Gesicht von Christian Streich ab. Hohlwangig, das Haar noch schweißnass vom Training, erzählt er in seinem alemannischen Singsang von seiner Kindheit, von der Metzgerei seiner Eltern. Dort habe er gelernt, "mit großen und mit kleinen, mit dicken und mit dünnen, mit armen und mit reichen Menschen" umzugehen. "Sich für Menschen interessieren", das sei seine Stärke. "Aber eins darf man auch nicht vergessen", fügt er hinzu, während er mit dem Schlüsselbund in seinen Händen spielt: "Ich entscheide über die Zukunft dieser Jungs. Ich habe Macht über sie."