Erasmus-Studenten in Bayern:"Alles sehr ordentlich"

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Erasmus-Studenten aus dem Ausland zieht es in Scharen nach München - nur Berlin ist noch beliebter. Die Hochschulen in der Landeshauptstadt tun einiges dafür, dass sich die Gaststudenten hier wohlfühlen. Sechs junge Weltenbummler berichten von ihren Erfahrungen.

Martina Scherf und Laura Martin

Von den vielen Förderprogrammen der Europäischen Union ist dieses vermutlich eines der erfolgreichsten: Tausende junge Menschen gehen jedes Jahr mit einem Erasmus-Stipendium zum Studieren ins Ausland. Vor allem aus Spanien, Frankreich und Italien zieht es sie hierher - und, wen wundert's, vor allem an die Münchner Hochschulen. Die bemühen sich ja auch sehr um sie. An der Ludwig-Maximilians-Universität gibt es zum Beispiel ein Mentorenprogramm mit Eins-zu-eins-Betreuung. Wobei man nicht vergessen darf, dass - so erfolgreich Erasmus ist - noch viel mehr ausländische Studenten auf anderen Wegen nach München kommen.

Als Erasmus von Rotterdam 1495 von seiner Klosterschule an die Pariser Sorbonne ging, hatte er es leicht: Es gab damals nur eine einzige europäische Gelehrtensprache. Ob Jura, Theologie, Philosophie oder Medizin, man verständigte sich auf Latein. Das machte es vergleichsweise einfach, nach Paris, Bologna oder Prag zu wechseln - vorausgesetzt man fand einen großzügigen Förderer. Erasmus hat später in England gelehrt und in Turin promoviert. Nach ihm, dem Universalgelehrten, der seine Reisen dazu nutzte, von fremden Sitten und Weltanschauungen zu lernen und sein Leben lang bemüht war, Kulturen und Religionen zu versöhnen, ist das Erasmus-Programm benannt. Es steht für Weltgewandtheit und ein zusammenwachsendes Europa.

Seit die EU das Austauschprogramm im Jahr 1987 einführte, haben mehr als 4,4 Millionen Studierende europaweit ein paar Monate jenseits der Landesgrenzen verbracht. Beteiligt sind alle EU-Länder, die Türkei, Island, Liechtenstein, Norwegen, die Schweiz und Kroatien. Etwa 15 Prozent der deutschen Studenten gehen mit Erasmus ins Ausland. Es wären vermutlich noch mehr, hätte die sogenannte Bologna-Reform der Hochschulen die gewünschte Mobilität von Anfang an mitberücksichtigt. Aber viele der straff organisierten Bachelor-Studiengänge ließen dafür wenig Spielraum, klagen nicht nur Studenten, sondern auch der Deutsche Akademische Austauschdienst, der die Programme organisiert.

Mehr als 4000 ausländische Erasmus-Stipendiaten kommen jedes Jahr nach Bayern. Die meisten aus Spanien, Frankreich und Italien - umgekehrt gehen doppelt so viele Deutsche jedes Jahr in diese Länder. München zählt neben Berlin zu den beliebtesten Städten bei Studierenden aus aller Welt - wohl nicht nur wegen des Oktoberfests. Im Wintersemester studieren normalerweise über 650 Erasmus-Teilnehmer an der Ludwig-Maximilians-Universität (unter den fast 7000 ausländischen Studenten dort insgesamt).

Hilfe von allen Seiten

Dass die Zahl an der TU stark gestiegen ist, hängt wohl mit den Bemühungen um die Gäste zusammen. Oft wird ja kritisiert, dass die auswärtigen Studienleistungen zu Hause nicht anerkannt werden. Bei diesen Fragen helfen Auslandsstudium-Berater, die die TU in jeder Fakultät hat. Außerdem gibt es die "Tumis" (TUM international), ein Studenten-Verein, der zu Beginn jedes Semesters ein zweiwöchiges Orientierungsprogramm organisiert. Besonders beliebt bei Erasmus-Studierenden sind die Hochschule für Angewandte Wissenschaften (FH) und das Sprachen- und Dolmetscherinstitut München.

Das Stipendium kann bis zu einem Jahr dauern, umfasst in der Regel einen Zuschuss von 325 Euro im Monat und die Befreiung von den Studiengebühren der Gasthochschule. Das reicht aber kaum - daher hängt die Entscheidung für ein Auslandsstudium überwiegend vom Elternhaus ab, wie eine gemeinsame Studie des Bundesforschungsministeriums, des Studentenwerks und des Hochschul-Informations-Systems belegt: Kinder aus Akademikerfamilien mit hohem Einkommen und Auslandserfahrung gehen doppelt so häufig ins Ausland wie Studierende aus unteren Einkommensschichten. Dabei hängt der Hochschulzugang selbst schon stark davon ab, welchen Bildungsabschluss Mutter und Vater haben. So bleiben die Erasmus-Kinder also doch wieder weitgehend unter sich.

Sprachkenntnisse sind enorm wichtig

Wie gut sich die ausländischen Studenten in München einleben, hängt vor allem von den Sprachkenntnissen ab. Oft haben sie am Ende des Aufenthalts zwar Freunde in ganz Europa, deutsche sind aber nicht immer dabei. Dem versucht die LMU entgegenzuwirken und hat 2006 ein Mentorenprogramm gestartet: Münchner Studenten betreuen ausländische Studierende. Wer sich für das "Buddy"-Programm bewirbt, bekommt einen Studenten aus dem Ausland zugewiesen, um den er sich ein Semester lang kümmert, sei es bei Spaziergängen durch die Stadt, Kneipenbesuchen oder mit Hilfe bei organisatorischen Dingen. Das freiwillige Engagement wird am Ende von der LMU bestätigt.

Auch die Münchner sammeln auf diese Weise internationale Erfahrungen; insbesondere Studenten, die keinen Auslandsaufenthalt planen, können davon profitieren. Und die LMU lässt die Mentoren nicht allein: Mit Seminaren bereitet sie das Referat für Internationale Angelegenheiten auf das Zusammentreffen mit den fremden Nationalitäten vor.

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