Digitale Schule Was muss ein gutes digitales Schulbuch leisten können?

Im Gegensatz zum herkömmlichen Schulbuch müssten gute digitale Schulbücher einen individuelleren Unterricht ermöglichen, sagt Wolfgang Vaupel. Er leitet die Medienberatung in Nordrhein-Westfalen, die Schulen bei der Verwendung digitaler Medien betreut. Als Beispiel nimmt er eine Klasse mit 30 Schülern, in der alle mit dem gleichen Buch und den gleichen Aufgaben arbeiten müssen: "Wer mehr leisten könnte, findet darin nicht die notwendige Tiefe, und wer mit den Texten nicht zurechtkommt, hat keine Chance, damit zu arbeiten."

Mit allen Kindern und einem Lernmittel im Gleichschritt zu arbeiten funktioniere nicht. Dazu seien die Lerngruppen mittlerweile zu heterogen. Gute digitale Schulbücher würden also allen Schülern ermöglichen, in ihrem Tempo und auf ihrem Niveau zu arbeiten. Dem einen könnten Erklärvideos helfen, wer Probleme mit der richtigen Aussprache hat, könnte mit einer Spracherkennungssoftware üben.

"Das Hauptproblem ist, dass es noch keine einheitlichen Konzepte gibt, wie diese digitalen Angebote aussehen sollen", sagt Michael Kerres, Professor für Mediendidaktik an der Universität Duisburg-Essen. "Soll es ein Medium sein oder eine Plattform? Kann das kommentiert werden? Wer verwaltet das? Wie werden die Schulbuchverlage für diese Angebote bezahlt?"

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André Spang beispielsweise denkt beim digitalen Schulbuch der Zukunft an eine App, ein System, das der Lehrer gestalten und an das Leistungsniveau seiner Schüler anpassen kann. Spang ist Oberstudienrat an der Kaiserin-Augusta-Schule, einem städtischen Gymnasium in Köln, und einer der Vorreiter der deutschen Digitale-Schulen-Szene. Er kritisiert, dass in deutschen Schulen oft noch die Haltung vertreten werde, das Internet halte ja nur vom Lernen ab. "Aber das Internet wird nicht wieder verschwinden - und gerade weil die Schüler ständig im Internet unterwegs sind, müssen sie lernen, wie sie sich vor den Gefahren im Netz schützen." Schule müsse zu dem Ort werden, wo der verantwortungsvolle Umgang mit den Medien erlernt wird.

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"Sogar junge Referendare sehen das oft kritisch mit den digitalen Medien"

Damit es mit den digitalen Schulbüchern - wie auch immer sie aussehen mögen - vorwärts geht, müssen Schulen, Länder und Verlage gemeinsam Konzepte entwickeln, darin sind sich die Experten einig. "Jede Schule braucht eine Medienstrategie mit einem pädagogischen Konzept dahinter, sonst bringen auch Tablet und digitales Lernmaterial nichts", sagt der Mediendidaktiker Kerres. Dazu müsse auch in der Ausbildung der Lehrer noch viel getan werden. André Spang beobachtet sogar bei den jungen Referendaren, dass sie der Nutzung digitaler Medien oft kritisch gegenüberstehen, weil sie sich allein gelassen fühlen.

Eines ist jedenfalls sicher: Schulbücher sind weiter notwendig, weil sie wie ein roter Faden im Unterricht wirken - das kann auch mittels einer App oder einer Lern-Plattform im Netz funktionieren. Und das Wesentliche an einem Schulbuch bleibt der Inhalt: Nur wenn der Stoff auf eine ansprechende, intelligente, vielleicht sogar spannende Weise dargeboten ist, wird man die Schüler erreichen.