Abschluss ohne Bachelor-Studium:Der schnelle Weg zum Master

Das Bachelor-Studium überspringen und gleich den Master-Abschluss machen? An einigen Hochschulen ist das möglich. Einfach ist es allerdings nicht: Die Bewerber müssen einige Jahre Berufserfahrung mitbringen, eine Eignungsprüfung bestehen - und zahlen.

Miriam Hoffmeyer

Zehn Semester dauert es normalerweise, bis sich ein Student mit dem Master-Titel schmücken kann. Kristin Kuche schaffte es sehr viel schneller. Die gelernte Fachinformatikerin nutzte einen neuen Zugangsweg zum Master-Studium, der in Rheinland-Pfalz seit 2005 gesetzlich möglich ist: Dort dürfen Berufstätige, die mehrere Jahre Job-Erfahrung vorweisen können und eine Eignungsprüfung bestehen, ein weiterbildendes Master-Studium beginnen - auch wenn sie vorher noch nie eine Hochschule von innen gesehen haben. Kristin Kuche ist die erste Absolventin ihres Studiengangs ohne Erststudium.

"Ich hatte nach der Ausbildung Lust, weiter zu lernen", sagt die 30-Jährige, die seit Jahren in der IT-Abteilung einer mittelständischen Solartechnik-Firma arbeitet. Sie informierte sich über Weiterbildungsmöglichkeiten und entdeckte dabei die Fachhochschule Trier, bei der sie nacheinander mehrere Zertifikate erwarb. Alle waren auch anrechenbar für das Master-Fernstudium Informatik.

"Irgendwann war ich überzeugt, dass ich den Hochschulabschluss auch schaffe", sagt Kuche. Sie sattelte vom Zertifikats- auf das Master-Studium um, musste zuvor aber noch eine Eignungsprüfung absolvieren: "Mathematik war am schwersten, dafür musste ich richtig pauken." Fast alle ihre Kommilitonen hatten ein Erststudium absolviert, trotzdem gehörte Kuche am Ende zu den Besten. Sie bestand die Master-Prüfung vor knapp einem Jahr mit Auszeichnung.

Rheinland-Pfalz spielte bei der Zulassung von Quereinsteigern zum Master-Studium die Vorreiterrolle, schon 2006 führte das Mainzer Bildungsministerium die entsprechende Regelung ein. Auch in Hamburg, Bremen und Hessen gibt es inzwischen technische, wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Programme, die Bewerber ohne Erststudium zulassen - beispielsweise den Master zur Therapie von Lernstörungen der Universität Hamburg oder den MBA "Aviation Management" der Fachhochschule Frankfurt.

In anderen Bundesländern ist der Zugang über berufliche Qualifikation zwar durch die Hochschulgesetze erlaubt, wird aber in der Praxis nicht angeboten. Nicht zugelassen ist der Master ohne Bachelor bisher in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen. Das könnte sich ändern. 2010 beschloss die Kultusministerkonferenz als Vorgabe für die Länder, dass "in definierten Ausnahmefällen" eine Eignungsprüfung als Zulassungsvoraussetzung für weiterbildende Master-Studiengänge genügen könne.

Der Master ohne Bachelor ist also politisch gewollt. Er steht in einer Reihe mit anderen Neuregelungen, die das lebenslange Lernen fördern und die Durchlässigkeit des deutschen Bildungssystems erhöhen sollen - etwa die Anerkennung des Meistertitels als Hochschulzugangsberechtigung. An den Unis ist der schnelle Weg zum Master jedoch umstritten. "Die Vorbehalte sind groß", sagt Walburga Freitag vom Hochschulinformationssystem (HIS) in Hannover. Die Studiengänge würden nur dann für Quereinsteiger geöffnet, "wenn ein innovationsbegeisterter Professor dahintersteht".

"Das ist vermintes Gebiet", sagt auch Professor Ralf Haderlein, der die Zentralstelle für Fernstudien an Fachhochschulen (ZFH) leitet. Viele Hochschullehrer zweifelten an der Studierfähigkeit von Bewerbern ohne ersten Studienabschluss, meint Haderlein, der das jedoch angesichts der anspruchsvollen Eignungsprüfungen für ein "Pseudo-Argument" hält. "Manchmal steht nur die Denkweise dahinter: Das kann nicht sein, weil ich diesen Weg auch nicht gehen konnte."

Ein gutes Geschäft

Trotz der gegensätzlichen Meinungen gibt es keine öffentliche Debatte über den neuen Zugangsweg. Das ist kein Wunder: Die Gegner haben angesichts des Trends zur Öffnung der Hochschulen wenig zu gewinnen und müssen fürchten, als altmodisch und dünkelhaft angeprangert zu werden.

Walburga Freitag vom HIS rät zum Abwarten. Erst wenn eine größere Zahl von beruflich Qualifizierten den Master geschafft habe, hätten beide Seiten eine verlässliche Datenbasis. Noch ist die Zahl der Programme, die sich für beruflich qualifizierte Teilnehmer öffnen, nämlich extrem klein. Nach HIS-Angaben waren es 2009 nur 14 - von insgesamt etwa 5000 Master-Studiengängen an deutschen Hochschulen. Zudem nutzen relativ wenige Berechtigte die neuen Studienchancen. Der Anteil der Teilnehmer ohne Erststudium liegt in den elf Master-Fernstudiengängen, die in der ZFH zusammengefasst sind, nur bei bis zu 20 Prozent.

Auf eine "gute Mischung" von Bachelor-Absolventen und beruflich Qualifizierten komme es an, meint Ralf Haderlein von der ZFH: "Beide Gruppen können sich hinsichtlich ihrer Kompetenzen ergänzen." Nach seiner bisherigen Erfahrung haben die Master-Studenten ohne Bachelor weder schlechtere Noten als ihre Kommilitonen, noch brechen sie eher das Studium ab. Wichtig sei es, die Quereinsteiger vor allem beim Studienbeginn zu unterstützen, etwa durch Brückenkurse in Mathematik. "Solche Kurse werden aber auch gern von Teilnehmern genutzt, die schon einen ersten Hochschulabschluss haben."

Da sowohl Weiterbildungs-Studiengänge als auch Vorbereitungskurse kostenpflichtig sind, könnte sich eine weitere Öffnung für die Hochschulen lohnen. Die private Euro-FH in Hamburg bietet seit Januar ein "Master-Einstiegsprogramm" an, das Fach- und Führungskräfte ohne Bachelor innerhalb von sechs Monaten gezielt auf die Eignungsprüfung für zwei wirtschaftswissenschaftliche Master-Programme der Euro-FH vorbereitet. Bisher hat das Einstiegsprogramm zehn Teilnehmer.

Ralf Haderlein sieht besonders in den Bereichen Technik und Informatik einen steigenden Bedarf an Studienplätzen für beruflich Qualifizierte. Dass sich diese Gruppe bisher nicht gerade auf die Master-Angebote stürzt, schiebt er auch auf mangelndes Wissen. Die neuen Möglichkeiten seien noch kaum bekannt. Zudem hätten IHK und Handwerkskammern keinerlei Interesse daran, über Studienchancen zu informieren: Schließlich bieten sie selbst Weiterbildungen an.

© SZ vom 14.04.2012/wolf
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