50 Jahre "Jugend forscht" Vom unterschätzten Kind zu Mister Pisa

Andreas Schleicher, Sonderpreisträger Technik 1984

Für Andreas Schleicher kam die Erkenntnis, dass Lernen Spaß machen kann, fast zu spät. In der Grundschule hatte ihm ein Lehrer bescheinigt, dass er für das Gymnasium ungeeignet sei. Dem Schüler Andreas kam es so vor, als sei er in eine Maschine gezwängt, die nach einem festen Raster arbeitete - in das er nicht passte und wohl auch nicht passen wollte. Zu seinem Glück durfte er es dennoch auf dem Gymnasium versuchen und traf dort auf Lehrer, die forderten, aber ebenso förderten. Ein paar Jahre später war Schleicher Einserschüler und nahm mit seinem Cousin Dierk am Jugend-forscht-Wettbewerb teil. Und noch ein paar Jahre später ist Andreas Schleicher weltweit bekannt als "Mr. Pisa", Erfinder der Bildungsstudie der Organisation für Internationale Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) in Paris.

Aber davor galt es, einen Wettbewerb zu gewinnen: mit "Sascha IV", einem Verfahren zur Spracherkennung am Computer. Und das zu einer Zeit, als Rechner klobige Kästen für Spezialisten waren, "aber wir hatten damals offenbar eine Nase dafür", sagt Schleicher. Wobei er sofort anfügt: Ohne Firmen, die ihr Computerwissen mit den beiden Schülern geteilt hätten, wären sie mit "Sascha IV" nicht weitergekommen. So aber leisteten sie ausgezeichnete Arbeit - ein Erfolg, der Schleicher erst auf den Gedanken brachte, Physik zu studieren. "Es ist so schade, dass Schulen abgeschottet von der Welt sind." Beim Jugend-forscht-Wettbewerb traf er das erste Mal auf Experten, die sich für ihr Fachgebiet begeisterten und Wissen vermittelten, aber dabei selbst noch Fragen stellten. "Die meisten Lehrer hingegen fragten nicht, sie hatten schon ihre Antworten."

Schock für Deutschland

Während seines Studiums an der Uni Hamburg traf Schleicher auf eine Schlüsselfigur in seinem Leben: den englischen Erziehungswissenschaftler T. Neville Postlethwaite. Der ließ ihn an einer Lese-Rechtschreib-Studie mitarbeiten, und von ihm lernte Schleicher, pädagogische Fragen mit Empirie zu beantworten. Nach einem zweiten Studium der Mathematik in Australien erhielt Andreas Schleicher den Auftrag, für die OECD die weltweit größte Bildungsstudie zu erarbeiten: Programme for International Student Assessment, die Pisa-Studie.

Was im Jahr 2001 folgte, war ein Schock, zumindest für Deutschland - die Ergebnisse der Studie stellten der Bildungspolitik ein überraschend schlechtes Zeugnis aus. Seitdem kritisiert Schleicher immer wieder das frühe Aussortieren der Viertklässler in Deutschland, das ihm selbst zu schaffen gemacht hatte. Schleichers Kinder mussten sich nicht durch die deutsche Grundschule kämpfen, sie wurden in Frankreich unterrichtet. Aber er habe sowieso Glück gehabt: Seine Kinder seien von sich aus vielseitig interessiert. Er selbst hatte sein Abitur in zwölf Fächern abgelegt und bekam eine glatte Eins. "Jedes einzelne begeisterte mich. Ich sah sie nicht mehr als eine Ansammlung von Fachwissen, sondern als Möglichkeit, die Welt zu sehen und zu hinterfragen." Sein Grundschullehrer hätte ihn nicht wiedererkannt.

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