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Wolfratshausen:Erinnern darf was kosten

Erinnerungsort: das Badehaus in Wolfratshausen.

(Foto: Hartmut Pöstges)

Mit sehr viel ehrenamtlichem Engagement ist das Badehaus zu einem Gedenkort geworden. Was fehlt, ist eine solide Finanzierung

Von Matthias Köpf, Wolfratshausen

Wenn beim Festakt am Sonntag Kultusminister Michael Piazolo das Wort ergreifen wird, dann kann sich Sybille Krafft schon denken, was da in etwa zu erwarten ist. Und das gar nicht wegen Piazolo, denn der kommt auch nicht alle Tage ins "Badehaus" im Wolfratshauser Stadtteil Waldram. Es waren aber schon etliche andere Honoratioren da, seit der Gedenkort für das letzte große Lager für jüdische Displaced Persons der Nachkriegszeit vor zwei Jahren eröffnet wurde. Sechs Jahre Vorbereitung lagen da hinter dem Trägerverein, mehr als 15 000 Stunden ehrenamtlicher Arbeit, und es gab kaum einen hohen Besucher, der das nicht sehr gewürdigt hätte. Nur war auch noch keiner dabei, der für eine solide Finanzierung des Betriebs gesorgt hätte.

Dabei ließe sich im Badehaus so viel lernen, findet die Historikerin Krafft, die beruflich Fernsehbeitrage für den BR dreht und privat über Jahre hinweg viel Zeit und Energie in das Badehaus-Projekt gesteckt hat, genau wie das auch mehrere andere, ebenso engagierte Menschen getan haben. Bezahlen hätte all das jedenfalls in Wolfratshausen kaum jemand können, und es hat auch niemand getan. Neben dem eigenhändigen Sanieren des Hauses, dem Aufbau der Sammlung und dem Führen zahlloser Zeitzeugeninterviews bestand ein großer Teil des Aufwands im Erbitten und Beantragen von Fördermitteln. Das ist Krafft und dem Verein "Bürger fürs Badehaus" auch immer wieder gelungen, nur war all das Geld stets an einzelne Projekte gebunden. Irgendwann rang sich selbst die Stadt Wolfratshausen zu einem nennenswerten Beitrag durch, den sie aber bloß nicht als dauerhaft gesichert verstanden haben will.

Genau so etwas würde aber dringend gebraucht, sagt Krafft vor dem Festakt, mit dem die Gründung des DP-Lagers Föhrenwald vor 75 Jahren gefeiert werden soll. In der NS-Zeit war Föhrenwald eine Siedlung für Zwangsarbeiter, die in den nahen Rüstungsfabriken schuften mussten. Von 1945 bis 1956, als es zur "Waldram" genannten Wohnsiedlung für katholische Heimatvertriebene wurde, bot Föhrenwald Juden Zuflucht, die den Terror von Krieg und Vernichtung überlebt hatten. Von dort, dem wohl letzten jüdischen Schtetl in Europa, brachen sie nach Israel, Kanada, Brasilien oder in die USA auf, wo Föhrenwald bis heute mehr Menschen bekannt ist als in Deutschland.

Nur wenige Zeitzeugen sind noch am Leben, von ihnen haben seit zwei Jahren viele das Badehaus besucht, in dem sich einst das jüdische Ritualbad des DP-Lagers befand. Zuletzt hat die Pandemie viele Besuche verhindert. Am Sonntag sollen nun Festgäste kommen. Die Bürger fürs Badehaus wüssten, was manche davon mitbringen könnten.

© SZ vom 16.10.2020
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