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Wissenschaft:Rasen für die Forschung

Der "Advanced Vehicle Driving Simulator" der Hochschule Kempten soll künftig helfen, die Dynamik autonom fahrender Autos zu verbessern. Er basiert auf einem Simulator des Formel-1-Rennstalls Williams.

(Foto: Hochschule Kempten)

An der Hochschule Kempten geht ein Fahrsimulator in Betrieb

Der halbkreisförmige Bildschirm wirkt riesig. Vor dem Piloten flitzt der digitale Asphalt vorbei, die Kabine rüttelt bei jeder Lenkbewegung. Dient so ein mit zahlreichen Sensoren ausgestatteter Rennsimulator nun mehr dem Freizeitspaß oder der Forschung? Oder gar beidem? Seit Donnerstag besitzt die Hochschule Kempten offiziell einen "Advanced Vehicle Driving Simulator": ein nach Uni-Angaben europaweit einzigartiges Gerät zur "Entwicklung zukünftiger Mobilität". Die Weiterentwicklung eines Formel-1-Simulators soll Fahrsituationen möglichst realistisch darstellen - und so dabei helfen, die Dynamik autonom fahrender Autos zu verbessern. Mithilfe des Simulators könnte zum Beispiel künftig getestet werden, wie das Fahrzeug der Zukunft eigentlich gestaltet sein muss, um sowohl zu funktionieren als auch mögliche Kunden zu überzeugen. Diverse Fahrzeugoptimierungen ließen sich damit virtuell durchspielen.

Das klingt einerseits nach Zukunftsmusik und spiegelt andererseits einen Trend unserer Zeit wieder. Generell ist nicht mehr alles nur Spaß, was danach aussieht. Gamifikation - die spielerische Vermittlung von Inhalten - ist für Unternehmen genauso interessant wie für Schulen und Museen. Und gerade Simulatoren werden in vielen Branchen längst zu Trainingszwecken genutzt. Auch die Hochschule Kempten ist unterwegs in diesem Bereich, in dem sich Computerspiel, Forschung und Wissenschaft überlappen: So bietet sie Gaming-Studiengänge an, deren Erkenntnisse für die Entwicklung neuer Spiele genauso wie für neue Industrieprozesse nutzbar sind. Vor allem beim autonomen Fahren sind die Überschneidungen groß. So lassen sich dank sogenannter Engines - spezielle Grafiksoftwares für Computerspiele - verschiedene Fahrszenarien am Computer nachbauen. Mit ihrer Hilfe kann wiederum ein Algorithmus geschult werden, Gefahren im Straßenverkehr selbständig zu erkennen und zu umfahren.

Fürs dann doch ein wenig Spielerische hat die Hochschule am Donnerstag Formel-E-Fahrer Daniel Abt eingeladen. Der Kemptener hatte just vor wenigen Wochen einen Rennunfall gehabt. Erst verlor er die Kontrolle über seinen Wagen, dann raste er mit Tempo 200 in die Streckenbegrenzung. Er kam unverletzt davon. So viel Glück braucht es jedenfalls nicht, um einem Simulator unbeschadet zu entsteigen - und die Chancen auf einen Neustart stehen auch besser.

© SZ vom 06.03.2020

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