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Wirtschaft:Roboter nehmen "keine Arbeit weg"

Jobs in Zeiten der Digitalisierung treiben Wirtschaft und Politik um. Der Fachkräftebedarf an sich ist in Bayern enorm

Die "Initiative Fachkräftesicherung" nimmt Gestalt an. Erste Ergebnisse stellten Vertreter von Staatsregierung, Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (VBW) und Arbeitsagentur am Dienstag in München vor. Das gemeinsame Programm soll dem zunehmenden Personalmangel im Freistaat begegnen. Ziel ist, bis 2023 rund 250 000 Fachkräfte zu gewinnen. Ein Element ist dabei eine zehnköpfige Einheit namens "Taskforce FKS+", die beim Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft angesiedelt ist. Seit Januar soll sie Firmen bei Maßnahmen der Fachkräftesicherung unterstützen. So hat sie bislang für knapp 400 Beschäftigte Qualifizierungsmaßnahmen aufgesetzt. "Wir sehen jetzt schon eine hohe Nachfrage nach dem neuen Beratungsangebot", sagte VBW-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt.

Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hatte die Initiative zusammen mit der VBW im Oktober 2018 wenige Wochen vor der Landtagswahl gegründet. Sie bündelt verschiedene Maßnahmen unter einem Dach. Zum Beispiel soll eine Fortbildung zum "IT-/Digitalisierungspädagogen" Beschäftigte befähigen, Digitalisierungsprozesse in ihren Unternehmen eigenständig zu begleiten. Für ältere Arbeitnehmer soll im Herbst eine neue Internetplattform online gehen, die sie bei Umschulungen unterstützt. Auch für Menschen mit Behinderung sind Qualifizierungen geplant. Die Hälfte der nötigen Fachkräfte soll indes aus dem Ausland kommen: Das entspräche rund 125 000 Personen. "Ohne Zuwanderung geht es nicht", sagte Ralf Holtzwart von der Regionaldirektion Bayern der Arbeitsagentur. Dieser Teil der Initiative wartet aber noch auf ein Fachkräftezuwanderungsgesetz des Bundes. Das ist zwar geplant, verzögert sich aber derzeit wegen Unstimmigkeiten. Vereinfacht könnte die Arbeitsagentur künftig auf Grundlage des Gesetzes Menschen im Ausland gezielt anwerben, etwa über Internetportale. Um die Betreuung der neuen Fachkräfte in Bayern will sich dann die VBW bemühen.

Auch die Opposition im Landtag hatte zuletzt angemahnt, dass mehr für die Fachkräftesicherung getan werden müsse. Die VBW erwartet, dass in Bayern bis 2025 rund 350 000 Fachkräfte fehlen werden. Das hat mehrere Ursachen. Unter anderem gehen demnächst 1,8 Millionen Beschäftigte in Rente - während nur 1,4 Millionen junge Menschen nachrücken. Größter Treiber ist aber die Digitalisierung. Sie macht es nötig, Geschäftsmodelle und Arbeitsprozesse zu reformieren. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (FW) sprach am Dienstag von einer "zwiespältigen Situation": Einerseits bangten mancherorts Beschäftigte um ihre Arbeitsplätze, andererseits benötige die Wirtschaft dringend Personal. Maßnahmen wie die Initiative zur Fachkräftesicherung könnten helfen, solche Umbrüche abzufedern und den Menschen die Angst zu nehmen. "Der Roboter nimmt keine Arbeit weg", sagte Aiwanger. "Wenn, dann nimmt dir ein Roboter im Ausland die Arbeit weg." Damit die gute Auftragslage vieler Betriebe anhalte, sei es neben Fortbildungen nötig, verstärkt auf Maschinen zu setzen, wo Menschen fehlten. Auch über eine Flexibilisierung der Arbeitszeiten müsse man nachdenken, um Personalengpässe in Notfällen auszugleichen. Aiwanger verwies auf Österreich, wo inzwischen der Zwölf-Stunden-Tag möglich ist - gegen den Widerstand von Gewerkschaften.

Am Dienstagnachmittag startete Aiwanger dann zu einer anderen Form der Anwerbung. Er reiste nach Schottland ab, um dort in Kontakt mit Firmen zu treten, die angesichts eines drohenden Brexits über eine Niederlassung in Bayern nachdenken. Schottland ist in der EU die zwölftstärkste Wirtschaftsregion.