Wirtschaft:Ein zweiter Bergkristall

In Kiefersfelden entsteht direkt neben der Inntal-Autobahn der Hauptsitz der Sportfirma Dynafit. Die Region freut's

Von Matthias Köpf, Kiefersfelden

Das, was heute "eine Landmark" genannt wird, hatten sie in Kiefersfelden früher auch schon. Der rauchende Kamin des Zementwerks überragte jahrzehntelang den Ort im Inntal direkt an der Grenze zu Tirol. Doch nachdem diese Grenze mit der europäischen Einigung an Bedeutung verloren hatte, ging es mit der örtlichen Wirtschaft bergab. Nicht nur die Zöllner zogen ab, sondern auch die Logistikfirmen. Die Marmor- und die Zementwerke mussten schließen, der Kamin ist längst gesprengt. 1000 Arbeitsplätze habe der Ort seither verloren, sagt Bürgermeister Hajo Gruber. Nicht dass es eine nennenswerte Arbeitslosenquote gäbe, und der Freizeitwert der Gegend ist so hoch wie der Wilde Kaiser gleich nebenan. Aber ein reines Schlafdorf an der Autobahn wollte Kiefersfelden auf keinen Fall werden. Stattdessen soll es nun wirtschaftlich wieder bergauf gehen, und eine neue "Landmark" entsteht dabei auch: Die Bergsport-Firma Dynafit wird direkt an der Inntalautobahn einen Hauptsitz bauen, der für sie selbst und den Ort ein starkes Zeichen setzt.

Wirtschaft: Von der Inntalautobahn aus wird die Dynafit-Zentrale kaum zu übersehen sein.

Von der Inntalautobahn aus wird die Dynafit-Zentrale kaum zu übersehen sein.

(Foto: Salewa/Architekturbüro)

Vorbild ist der oft als Kristall beschriebene Sitz, den die Oberalp-Gruppe 2011 bei Bozen für ihre Outdoor-Marke Salewa gebaut hat - "eine Landmark" eben, so nennt Heiner Oberrauch auch dieses Gebäude. "Wenn du auf der Autobahn vorbeifährst, dann weiß du: In einer Stunde bist du am Gardasee, in zwei Stunden bist du am Meer." Nicht nur die Mitarbeiter identifizierten sich mit dem Haus, sondern auch die Menschen in der Region. Das Gebäude stehe für das Unternehmen und für die Stadt. "Mein Wunsch ist, dass das Gleiche wie in Bozen auch in Kiefersfelden passiert", sagt der Oberalp-Chef Oberrauch. Die Firmengruppe seiner Familie hat 1990 Salewa und 2003 auch Dynafit übernommen und baut diese Marke seither vom Spezialisten für Skischuhe und Bindungen zum Ganzjahresausstatter für tempoorientierte Outdoor-Sportler um. "Eine Marke braucht eine Heimat", sagt Oberrauch, und diese Heimat soll wohl von 2022 an nicht mehr das gewerbegraue Aschheim im Osten Münchens sein, sondern die neue, im besten Fall rund 20 Millionen Euro teure Landmark in Kiefersfelden, dem "Tor zu den Bergen". Auch die rund 100 Mitarbeiter in Aschheim, alles bergsportbegeisterte Leute, hätten nach der Umzugsankündigung "tosenden Applaus" gespendet.

Wirtschaft: Im Inneren soll es eine Kletterzone geben.

Im Inneren soll es eine Kletterzone geben.

(Foto: Salewa/Architekturbüro)

Das, was in einigen Jahren bei der Fahrt durchs Inntal kaum mehr zu übersehen sein wird, ist das Ergebnis eines Architektenwettbewerbs, zu dem Oberalp neun international renommierte Büros eingeladen hatte. Als Sieger ging ein Entwurf des Büros Barozzi Veiga aus Barcelona hervor. Die bei anspruchsvollen Bauherren gerade sehr gefragten Fabrizio Barozzi und Alberto Veiga haben in den vergangenen Jahren eine große Zahl von Museen, Hochschulen, Theatern, Instituten und Konzerthallen gebaut und dafür etliche Preise erhalten, darunter 2015 den Mies-van-der-Rohe-Preis der EU für die neue Philharmonie in Stettin mit ihrem spitzzackigen Dach.

Wirtschaft: Vorbild für die Außenwirkung ist der Salewa-Sitz bei Bozen.

Vorbild für die Außenwirkung ist der Salewa-Sitz bei Bozen.

(Foto: Oberalp-Gruppe/Barozzi Veiga)

Für Kiefersfelden setzen sie auf klare Formen und Kanten: Zwei aufgestellte, einander zugewandte und leicht ineinander verschränkte Dreiecke mit einer transparent wirkenden Außenhaut sollen immerhin 30 Meter aufragen - wenig im Vergleich zu den Bergen rundum, aber deutlich höher als die benachbarten Bauten, an denen zum Teil schon gearbeitet wird.

Denn die Dynafit-Zentrale wird das zwar augenfälligste Gebäude, aber sie wird nicht die größte Fläche einnehmen in dem sieben Hektar großen Gewerbegebiet, dass die Gemeinde ausgewiesen hat. So wird dort die Unterberger-Gruppe aus Tirol ihr "Kaiserreich Kiefersfelden" bauen, unter anderem ein Hotel mit 200 Betten auf sieben Etagen und eine "Genusswelt" mit Läden und Restaurants sowie ein Schnellrestaurant und eine Tankstelle für die Autobahn-Kundschaft. Auch in der Dynafit-Zentrale soll es ein Restaurant, einen Veranstaltungssaal und andere öffentliche Flächen geben, darunter zwar keine riesige Kletterhalle wie in Bozen, aber wohl eine Boulder-Zone zum Querklettern.

Der Bürgermeister ist nicht nur von der Außenwirkung des Projekts überzeugt, sondern rechnet auch mit einer großen Binnenwirkung in Kiefersfelden: "Das wird uns gut tun und wieder Leben ins Dorf bringen", sagt Hajo Gruber. Nur was den Verkehr betrifft, ist ihm in Kiefersfelden sogar deutlich zu viel los, aber auch da hat Gruber Hoffnung: In Österreich sind bald Nationalratswahlen, und beim Wahlkampf drüben in Kufstein haben Tirols Landeshauptmann Platter und Ex-Kanzler Kurz öffentlich zugesagt, von der Grenze bis Kufstein Süd die bis vor ein paar Jahren gültige Ausnahme von der Autobahnmaut wieder einzuführen, damit sich die Mautvermeider am Weg in die Skigebiete nicht mehr durch Kiefersfelden und Kufstein quälen. Gegen die Staus in der anderen Richtung hätte Gruber gerne eine dritte Spur für die Grenzkontrollen, wie sie gerade bei Salzburg gebaut worden ist. Der scheidende bayerische Verkehrsminister Hans Reichhart habe ihm dafür ein Raumordnungsverfahren in Aussicht gestellt, über das Kiefersfelden dann sogar den lange ersehnten Lärmschutz zur Autobahn hin erhalten könnte.

© SZ vom 20.09.2019
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