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Arbeitsmarkt:Adios Amigos

Ein Bild aus einer Zeit, als beides noch häufig vorzufinden war: spanische Auszubildende der inzwischen unter diesem Namen nicht mehr existenten Supermarktkette Tengelmann.

Junge Leute aus Spanien sollten vor ein paar Jahren die offenen Lehrstellen in Bayern besetzen. Eine Chance der Arbeitslosigkeit im eigenen Land zu entkommen. Doch viele von ihnen sind nicht geblieben.

Es war ein Hauch von Exotik, der damals in bayerischen Backstuben, Büros und Montagehallen einzog. Roberto, Ignacio oder Inés - das waren Vornamen der 2014 und in den Folgejahren angeheuerten Azubis; sie verließen ihre Heimat, das damalige Krisenland Spanien, und gingen im Freistaat in die Lehre. Die Ausgangslage: Tausende nicht zu besetzende Lehrstellen im Freistaat auf der einen Seite, eine dramatische Jugendarbeitslosigkeit in Spanien auf der anderen. Also gingen viele Betriebe in Bayern auf Nachwuchssuche in dem südeuropäischen Land.

Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) legte ein systematisches Projekt dazu auf, die Bundesagentur für Arbeit holte über das europäische Netzwerk Eures umzugswillige junge Spanier nach Bayern. In regionalen Zeitungen gab es vielfach Berichte vom großen Hola mit den neuen Kollegen, eine Art Medienrummel um die spanischen Gäste kam geradezu auf. Dann war es eher still um die Zuzügler geworden.

Kürzlich bei einer vbw-Veranstaltung in Ingolstadt sagte Ralf Holtzwart, Chef der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit, beiläufig in seiner Rede: "Die Spanier sind fast alle wieder nach Hause gegangen." Tatsächlich sei von den Azubis, die man über die Eures-Kooperation mit den spanischen Behörden anlockte, "heute kaum noch einer hier". Als Grund sieht Holtzwart vor allem die Erholung der dortigen Wirtschaft. Aber es gehe auch um Attraktivität. Bayern stehe zwar gut da, könne aber besser werden. Zentral sei in solchen Fällen zudem "eine Einbettung ins Leben, und nicht nur ins Arbeitsleben".

Genaue Daten zu Spaniern im gesamten Ausbildungsmarkt sind schwierig zu eruieren. Zu vielfältig war die Spanienoffensive der bayerischen Wirtschaft: Angeworben wurde in diversen Projekten, auch mithilfe von Kommunen, von Unternehmen direkt, vom Mittelstand teils in Einzelaktionen. Das reichte bis zum Handwerksmeister, der über Bekannte in Spanien nach Interessenten fahnden ließ. Das Modellprojekt "career (by)" hatte die vbw mit den bayerischen Metall- und Elektroarbeitgebern aufgelegt. Es organisiert etwa vorgeschaltete Deutschkurse und Praktika. Auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung teilte die vbw jetzt eine Bilanz mit - dem Projekt, das noch läuft, ist ein eher mäßiger Erfolg beschieden.

Zunächst 2013 in Wunsiedel im Fichtelgebirge, dann in den Kreisen Cham, Traunstein und dem Nürnberger Land wurden junge Erwachsene aus Spanien angeworben, in den späteren "Staffeln" auch aus Bulgarien, Kroatien, Ungarn und Rumänien. Die letzte Staffel begann 2016 und endet in diesem Herbst. Dass von den Spaniern viele zurückgegangen seien, dürfte zutreffen, heißt es bei der vbw; konkrete Zahlen ließen sich aber nur für Teilnehmer aus allen Ländern mitteilen. Die durchschnittliche Abbrecherquote lag bei 49 Prozent, jeder Zweite also. Von den erfolgreichen Azubis trat allerdings der Großteil in ein Beschäftigungsverhältnis ein. Unterm Strich hätten Betriebe somit rund 100 selbst ausgebildete Fachkräfte gewonnen.

Der Hauptgrund für die vielen Abbrüche war auch laut vbw die zwischenzeitlich bessere Lage in der Heimat, so hätten sich für die Teilnehmer plötzlich Ausbildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten aufgetan. Außerdem sei bei jungen Menschen oft "Heimweh" aufgetreten; der Wunsch, "lieber im Heimatland leben und arbeiten zu wollen", sagt vbw-Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt, sei anzuerkennen. Auf lokaler Ebene hört man teils, dass auch das Erlernen der Sprache unterschätzt wurde, und dass es Probleme gab, sich in den ländlichen Regionen zu akklimatisieren; allerdings auch viel Engagement, die Spanier zum Beispiel in Vereine zu bringen. "Da das Projekt als Modellversuch angelegt war, war es nicht unsere Erwartung, Auszubildende in großer Zahl zu akquirieren", sagt Brossardt. "Wir können jetzt die Erfahrungen daraus auf andere Projekte anwenden." Insgesamt sei es aber gelungen, einer gewissen Zahl an jungen Menschen "Know-how und gute Zukunftsperspektiven zu geben". Das Projekt habe damit einen kleinen Beitrag zur Fachkräftesicherung geleistet.

In den Krisenjahren Spaniens waren verstärkt auch fertige Fachkräfte angeworben worden. Beispiel Uniklinik Erlangen: Über ein Programm 2012 kamen 27 Pflegekräfte aus dem Land. Acht davon sind heute noch in Erlangen beschäftigt. Ob die anderen zurück in die Heimat gingen oder vielleicht in andere EU-Länder, wo Pflegekräfte besser entlohnt werden, weiß man nicht. Zuletzt hat das Uniklinikum dafür erfolgreich philippinische Pflegekräfte angeworben.

Die konjunkturelle Delle derzeit wirkt sich auf den Arbeitsmarkt aus. Dennoch bleibt laut vbw Fachkräftemangel bayernweit eine "Herausforderung". Die durchschnittliche Vakanzzeit - also die Dauer von der Stellenausschreibung bis zur Besetzung - lag Anfang 2020 bei 177 Tagen. Und zum Ausbildungsstart 2019 blieben in Bayern etwa 15 000 Lehrstellen unbesetzt.

© SZ vom 18.02.2020/vewo
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