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Wirtschaft:Annäherung auf 248 Seiten

Bericht zeigt, welche Bedeutung dem Mittelstand zukommt

Von Maximilian Gerl

Wer alles wissen will - oder zumindest vieles, das in Statistiken passt -, könnte sich über die 248 Seiten freuen und trotzdem erschlagen fühlen. Zum Beispiel erfahren Interessierte, dass in Bayern die Selbständigenquote in der Land-, Forst- und Fischwirtschaft mit 51,3 Prozent so hoch ist wie in keiner anderen Branche. Und warum manche dem sogenannten Mittelstand eine so hohe Bedeutung beimessen, lässt sich vielleicht daran erahnen, dass ihm im Freistaat 99,62 Prozent aller Unternehmen zugerechnet werden.

Der zuvor letzte "Mittelstandsbericht" stammt aus dem Jahr 2015. Vergangene Woche erschien nun eine neue Version, eine im wahrsten Sinne umfangreiche Zustandsbeschreibung der bayerischen Wirtschaft. Da die Staatsregierung als Herausgeber des Konvoluts fungiert, kann der Inhalt außerdem stellenweise als Rechtfertigung der eigenen Politik gesehen werden. Diesmal kommt allerdings erschwerend hinzu, dass viele Aspekte gewissermaßen unter Corona-Vorbehalt stehen. Immer noch lassen sich etliche Auswirkungen der Krise nur ansatzweise in fixen Zahlen fassen.

Womöglich liest man deshalb den "Mittelstandsbericht" am besten zuerst als Beschreibung der Wirtschaft bis zum Beginn der Pandemie. Im Zentrum stehen kleine und mittlere Unternehmen (KMU) - also Betriebe, die weniger als 500 Beschäftigte und 50 Millionen Euro Jahresumsatz ausweisen. Der Bericht zählt für Bayern rund 614 000 solcher KMU. Ihr Anteil ist im Agrarsektor (87,6 Prozent) und in der Bauwirtschaft (72,9 Prozent) überdurchschnittlich hoch, dagegen im verarbeitenden Gewerbe (20 Prozent) vergleichsweise niedrig. Auch regional finden sich auffällige Unterschiede: Zwar dominieren KMU in allen Regierungsbezirken, was die absolute Zahl der dort tätigen Unternehmen betrifft. In Niederbayern tragen sie allerdings mit 58,8 Prozent besonders viel zum in der Region erzielten Umsatz bei - während sich in Oberbayern ihr Anteil auf 27,5 Prozent beläuft. Dort verzerren vor allem die in und um München und Ingolstadt beheimateten umsatzstarken Konzerne die Verhältnisse.

Der zweite Blick auf die Strukturen offenbart die Probleme und Herausforderungen, die unabhängig von Corona bestehen bleiben werden. Etwa die Frage, ob und wie man künftig dem regionalen Ungleichgewicht im Mittelstand begegnet und den ländlichen Raum stärkt. Auch der demografische Wandel spielt eine Rolle. Denn immer mehr Firmenchefs steuern auf die Rente zu. Der "Mittelstandsbericht" schätzt, dass von 2017 bis 2021 bayernweit rund 131 000 Familienunternehmen ihre Nachfolge klären müssen. Das betraf 30 Prozent mehr als vor fünf Jahren. Aktuelle Zahlen sind nicht verfügbar, aber die Auswirkungen der Corona-Pandemie dürften Betriebsübergaben nicht gerade einfacher gemacht haben.

Entsprechend zeigt das letzte Kapitel politische Handlungsempfehlungen auf. Das Spektrum reicht von Klimaschutz über Finanzierungsfragen bis zur Digitalisierung. Dabei wird im Sinne des Herausgebers immer wieder auf Maßnahmen des Freistaats verwiesen. Was diese bewirken, wird spätestens der Nachfolgebericht in fünf Jahren zeigen.

© SZ vom 09.12.2020
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