Schnee Dieser Winter zeigt, wie viel Hilfsbereitschaft in der Gesellschaft steckt

Eigentlich helfen sie am und im Wasser: Mitglieder der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft räumen im Landkreis Traunstein Schnee von einem Hausdach.

(Foto: dpa)

Der Katastrophenalarm ist aus und vorbei, das Weltgewese geht weiter. Ein paar Erinnerungen an die Solidarität aus Schneetagen sollte man sich aber einfrieren, irgendwo.

Kommentar von Matthias Drobinski

Sie haben Schnee von den Dächern geschaufelt, bis sie blutige Blasen an den Händen hatten; haben das Wochenende drangegeben, Urlaubstage geopfert. Mehr als 10 000 Helfer waren allein in Bayern in den vergangenen Tagen im Einsatz, als es schneite und immer weiter schneite; nicht weniger waren es in Österreich und der Schweiz. Bürgermeister, Landräte, die Leute in den Lagezentren haben rund um die Uhr ihren Job gemacht, meist unaufgeregt und manchmal gar mit lockeren Sprüchen.

Sie haben dafür gesorgt, dass die durchaus dramatische Lage nicht in Chaos und Katastrophe mündete. Es gab Tote, durch tragische Unfälle und durch bodenlosen Leichtsinn auf lawinengefährdeten Pisten. Eine Tragödie wie 2006, als in Bad Reichenhall das schneeüberladene Dach einer Eishalle 15 Menschen erschlug, konnte aber bislang verhindert werden.

Winter

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Die Schneemassen haben einigen Schaden angerichtet; sie sind eingebrochen in die durchgeplante und durchgetaktete Menschenwelt, in der die Natur nur noch als Urlaubserlebnis ihren Platz hat und nicht als höhere Gewalt. Sie haben dort aber auch einiges Gutes zum Vorschein kommen lassen: Nachbarn, die sich bislang eher zähneknirschend grüßten und nun einfach einander geholfen haben; Urlauber, die statt in der Sauna zu hocken zur Schneeschaufel griffen; Bundeswehrsoldaten, die, statt nach Hause zu fahren, weiter arbeiteten bis zur Erschöpfung.

Der Kampf gegen die Schneemassen hat gezeigt, wie viel freiwilliges Engagement sich immer noch und allen Klageliedern vom unaufhaltsamen Egoismus zum Trotz bei den Feuerwehren und beim Technischen Hilfswerk versammelt. Und er hat gezeigt, wie gut und reibungsarm ein Land funktioniert, in dem es als Katastrophenfall gilt, wenn einmal ein paar Orte nicht mehr über die Hauptstraße zu erreichen sind und statt der gewohnten Eisenbahn der Schienenersatzverkehr kommt.

Der Schnee hat in Oberbayern und den Alpen die Welt für einige Tage leise und langsam gemacht; er hat das so komplex gewordene Leben der Menschen vereinfacht und aufs Wesentliche reduziert: Es darf keiner allein bleiben und vergessen werden da draußen in Sturm und Gestöber. Der Streit um die geplante Umgehungsstraße war vergessen wie der Ärger über die Lokalbaukommission; der Brexit unendlich fern und selbst Donald Trump nur zwergengroß. Das ist fast immer so, wenn einem die Natur so auf die Pelle rückt, ob als Schneewalze oder Hochwasser. Das kann aber auch die Erkenntnis fördern, dass mancher erbitterte politische Streit um die bestenfalls zweitletzten Dinge des Lebens geht - und dass noch längst nicht der Staatsnotstand herrscht, wenn mal ärgerlicherweise ein Zug ausfällt.

Das Wetter soll sich beruhigen in den nächsten Tagen, auch in den Alpen. Der Schnee wird sich setzen, die Lawinengefahr abnehmen, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und Bundeswehr werden abrücken. Zwischen den Schneebergen und Schneetürmen wird wieder Normalität einkehren. Nachbarn werden sich wieder zähneknirschend grüßen, Urlauber dem Hotel mit Klage drohen, weil Nebel auf der Piste herrscht; der Streit über die Umgehungsstraße wird wieder aufleben, Donald Trump wieder aufgeblasener erscheinen. Kurz: Der Katastrophenalarm ist aus und vorbei, das Weltgewese geht weiter. Ein paar Erinnerungen an die Solidarität aus Schneetagen sollte man sich aber einfrieren, irgendwo.

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