Weltkulturerbe Wie das Markgräfliche Opernhaus in Bayreuth wieder glänzen soll

Im Opernhaus ist es düster, ein paar Scheinwerfer erhellen gerade nur die Ecken, an denen die Restauratoren momentan arbeiten.

(Foto: dpa)

2012 wurde das Theater Weltkulturerbe - und ist seitdem wegen Sanierung geschlossen. Im Inneren erfährt man einiges über Schein und Wirklichkeit. Ein Baustellenbesuch.

Von Katja Auer, Bayreuth

Ganz oben, direkt über der Bühne, blickt stolz der rote Adler aus dem Wappen des Markgrafen hinunter auf die Besucher. Dann zumindest, wenn wieder welche da sein werden. Momentan schaut er aus dem Halbdunkel nur bis auf den obersten Boden eines mehrstöckigen Gerüsts und auf Birgit Müller, die neben seinen Krallen Striche, so klein wie Wimpern, auf den prunkvollen Rahmen malt, der das Wappen fasst. Gelbe, orange, grüne und rote Farbkleckse hat sie auf ihrer Palette, keine goldenen, obwohl sie ein goldenes Stück bearbeitet.

Der glänzende Effekt ergibt sich aus dem Zusammenspiel der Farben. "Dieses Flimmern ist besonders wichtig bei der Goldretusche", sagt die Restauratorin und malt weiter mit ihrem feinen Pinsel, der sich auf dem übermannsgroßen Goldrahmen ausnimmt wie eine Mücke auf einem Elefantenhintern. Zwei Wochen hat sie allein für die eine Seite gebraucht, Birgit Müller muss ein geduldiger Mensch sein. 2500 Quadratmeter bemalte Fläche bearbeiten die Restauratoren im Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth, 15 Leute aus ganz Deutschland sind vier Jahre beschäftigt, das Tageslicht sehen sie kaum währenddessen. Im Frühjahr 2018 soll das Theater wieder eröffnet werden, das vor vier Jahren zum Unesco-Weltkulturerbe geadelt wurde und seither, so will es die Ironie der Geschichte, wegen Sanierung geschlossen ist.

Vier Jahre brauchten die Baumeister, 1748 war das Theater fertig

Es war Markgräfin Wilhelmine, die Schwester Friedrichs des Großen, die aus dem bis dahin eher beschaulichen Bayreuth eine Residenzstadt von europäischem Rang machte. Sie ließ kunstvolle Gärten anlegen und baute repräsentativ. Es muss ein wenig vermessen gewirkt haben, ein derart prachtvolles Opernhaus in einer solch kleinen Stadt zu planen, weitab von den bedeutenden Zentren jener Zeit. Vergleichbare Theaterhäuser gab es nur in Wien und Venedig, in Dresden und Paris. Mag es nun Starrsinn oder Weitsicht gewesen sein, egal, bis heute profitiert die Stadt von der kunstsinnigen Markgräfin.

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Sie beauftragte den Bayreuther Hofarchitekten Joseph Saint-Pierre, das Gebäude mit der strengen Fassade zu errichten, sowie den berühmten Theaterarchitekten Giuseppe Galli Bibiena und seinen Sohn Carlo mit dem Innenausbau. Nur vier Jahre brauchten die Baumeister, eine rekordverdächtige Spanne, kurz vor der Fertigstellung 1748 schrieb Wilhelmine an ihren Bruder, den König: "Bibiena hat in diesem Theater die Quintessenz des italienischen und französischen Stils vereinigt. Man muss zugeben, dass er in seinem Fach ein unübertroffener Meister ist."

Nach Wilhelmines Tod wurde das Theater als Stall genutzt - zum Glück

Heute ist das Markgräfliche Opernhaus einer der wenigen erhaltenen Theaterbauten aus dem 18. Jahrhundert in Europa, ein Kleinod, dessen prächtige Ausstattung vielleicht auch deswegen recht gut erhalten ist, weil es nach Wilhelmines Tod kaum noch bespielt wurde, stattdessen auch mal Pferdestall und Baulager war. Das vermutet Michael Erhard, der sich im staatlichen Bauamt um die Sanierung kümmert und seitdem viel zu erzählen hat über seine berühmte Baustelle.

Um die Innenausstattung sollte es vor allem gehen, "aber dann waren doch mehr Schäden am Dach als gedacht", sagt er. Der Dachstuhl hatte sich abgesenkt und geneigt, hölzerne Schwellen waren weggefault. "Die haben damals etwas kühner gebaut, als es Statiker heute zulassen würden", sagt Erhard, das rächte sich wohl irgendwann. Hydraulisch wurde der Dachstuhl nun wieder angehoben, die ganze Aktion verteuerte die Sanierung um eine Million Euro auf jetzt veranschlagte 27,5 Millionen.

Noch mal 1,8 Millionen mehr kostet sie nach jener Nacht im November 2014, als der Technikkeller voll Wasser lief. Als bei den Stadtwerken jemand das Leck in der alten Rohrleitung identifizierte, aus dem über Stunden das Wasser geflossen war, stand es schon kniehoch im Opernhaus. Michael Erhard steigt in den Keller hinunter. "Da war alles voller Wasser", sagt er und zeigt auf ein dunkles Eck, in dem die alte Leitung lag. Die hätte kurz danach ausgetauscht werden sollen. Die gesamte neu installierte Haustechnik, Lüftung, Steuerungstechnik, alles hin. "Haben wir alles wieder rausgerissen", sagt Erhard, er klingt wie einer, den selten etwas aus der Ruhe bringt. Zehn Monate hat ihn das im Zeitplan zurückgeworfen, aber wenigstens ist das Logenhaus trocken geblieben.

500 Besucher

sollen nach der Sanierung im Opernhaus Platz finden. Nur noch. Früher waren es mehr, aber dafür ging es auch recht eng zu und außerdem sollen die Sitze sehr unbequem gewesen sein. Die werden erneuert und in den Logen werden die Zuschauer nur noch in einer Reihe sitzen.

Wo sonst die Zuschauer sitzen, steht gerade kein Stuhl mehr. Ein Gerüst ist aufgebaut, ganz oben, direkt unter dem Deckengemälde, stehen Birgit Müller und Andree Tesch in ihren weißen Schutzanzügen. Es ist düster, ein paar Scheinwerfer erhellen gerade nur die Ecken, an denen die Restauratoren momentan arbeiten. Vom Himmel steigt Apoll mit seinem Gefolge, die Nieten, mit denen die bemalte Leinwand auf ihren Rahmen gespannt ist, werden von unten nicht zu erkennen sein. Ebenso wenig, dass die Brüstungen und Stufen nur aufgemalt sind, die das Logenhaus so hoch wirken lassen. Ein Illusion, im Theater sollten die Besucher ganz von einer anderen Welt umfangen sein.

Hinter dem Fensterchen über der Fürstenloge dürfen nur Wenige sitzen

Im Innenraum wurde meist direkt auf das Holz gemalt, einige Stellen wurden mit Leinwand bezogen. Die Decke eben oder die Wände der aufwendig gestalteten Fürstenloge. Von dort verfolgte das Markgrafenpaar die Vorstellungen, eine Krone und Allegorien des Ruhms verzieren die Loge. Etwas weiter oben, für den nicht zu erkennen, der nicht weiß, wonach er suchen muss, gibt es noch ein exklusives Plätzchen. Hinter einem Fensterchen, das aussieht wie ein Lüftungsschlitz, hockte Michael Erhard schon ab und zu. Ein Privileg der Eingeweihten, Karten gibt es dafür keine.

"In den 1930er Jahren haben die hier drinnen drüber gestrichen", sagt Erhard und meint die Wände, die Figuren, die Ornamente. Aber die neue Farbe war viel steifer, sie reflektierte nicht so viel Licht. Nun soll sie wieder runter, genauso wie das ölhaltige Holzschutzmittel, das noch ein paar Jahrzehnte später draufgepinselt wurde. Das dunkelte stark nach, deswegen sah der Raum zuletzt düster aus. "Wir lösen Schicht um Schicht ab, um wieder an die alte Farbe zu kommen", sagt er. Jene, die das Opernhaus golden schimmern ließ, wenn die vielen Kerzen brannten. Nach der Sanierung soll der Innenraum dem historischen Original möglichst nah kommen - wenngleich erkennbar bleibt, was bei der letzten Renovierung verändert wurde. Auch wenn das Restauratoren heute nicht mehr so machen würden.

"Vielleicht sagen unsere Kollegen in 100 Jahren: Was haben die da bloß gemacht?"

Andree Tesch war vor ein paar Jahren schon mal im Markgräflichen Opernhaus, bei einem Konzert, damals arbeitete er auch für einige Zeit in Bayreuth, er restaurierte in der Eremitage. "Da muss man doch gar nichts machen", habe er sich noch gedacht, erzählt er, das Theater sei ihm sehr gut erhalten vorgekommen. Ganz so gut war es dann doch nicht, deswegen ist Tesch zurückgekehrt nach Oberfranken. "Wir nehmen weg, was nicht dazugehörte, und fügen möglichst nichts hinzu", erklärt er.

Ein paar Dinge müssen freilich auch einfach repariert werden. Es gibt Stellen mit fingerdicken Rissen, das liegt wohl daran, dass es vor 250 Jahren so schnell gehen musste. Da wurde Holz verwendet, das noch zu frisch war, nicht lange genug gelagert. Das arbeitete weiter. An ein paar Stellen muss deswegen ein verdeckter Stahlträger eingebaut werden. Ist eine Blume an einem goldenen Ornament abgebrochen, wird die neu geschnitzt, das schon, aber geht irgendwo die Farbe ab, wird nicht einfach draufgestrichen. Sondern retuschiert. Gestrichelt also, sodass von weitem zwar ein geschlossener Gesamteindruck entsteht, aus der Nähe aber ersichtlich wird, dass dies restauriert ist.

Auf dem Gerüst, das drei Etagen hoch im Logenhaus steht, sieht es aus wie in einer Malerwerkstatt. Winzige Pinsel mit nur ein paar Haaren stecken in alten Konservendosen, gebrauchte und neue. Farbtöpfchen stehen bereit, Pigmente, Kobaltblau und Cadmiumorange, Nickeltitangelb und Titanweiß. Da stehen ein Staubsauger, eine Schubkarre und ein paar Lampen, mit denen getestet wurde, welches Licht die Farbe am besten reflektiert. "Vielleicht sagen unsere Kollegen in 100 Jahren, was haben die denn da bloß gemacht", sagt Andree Tesch und lächelt. So wie sie heute über die alte Ölfarbe schimpfen. Kann sein. Vielleicht werden sie in 100 Jahren aber auch die Millionen feiner Striche bewundern, auf dem Wappen zum Beispiel, die golden schimmern, obwohl sie grün und gelb und rot und orange sind.

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