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Unwetter in Bayern:Die Spur des Tornados

Nach dem Tornado in Schwaben sind zahlreiche Häuser unbewohnbar. Bewohner berichten, mit welcher Gewalt der Wirbelsturm wütete - und wie sie denen helfen, die durch ihn obdachlos geworden sind.

Von Stefan Mayr, Affing

Am Tag nach dem Tornado steht Vincenzo Sarcone vor seinem Haus, das bis gestern noch ein schmucker Neubau war - und jetzt eine einsturzgefährdete Ruine. Der Dachstuhl ist weggeflogen, die Wände darunter haben daumendicke Risse. "Hier schaut's aus wie im Krieg", sagt er und schüttelt den Kopf. Er zeigt auf sein verbeultes Auto, das keine Fensterscheiben mehr hat. "Zwei Wochen alt", seufzt er.

Er zeigt auf eine Fläche daneben. "Hier war eine Hütte." Wo sie jetzt ist, weiß er nicht. Er tröstet seine Frau, die kopfschüttelnd auf das Kinderzimmerfenster schaut, in dem die Fenster mitsamt den heruntergelassenen Rollos ins Rauminnere gedrückt wurden. Sie sinkt auf die Knie und bricht in Tränen aus. Stirn an Stirn kauert das Ehepaar nun auf der Straße. Er spricht ihr Mut zu, sie nickt mit dem Kopf. Um sie herum scheppert, kracht und dröhnt es. Der ganze Ort packt an, um die Spuren der Windhose aufzuräumen.

Bis Mittwoch um 22.30 Uhr wohnten die Sarcones in einem hübschen Neubaugebiet am Ortsrand von Affing. Jetzt ist das Viertel ein Trümmerfeld. Jedes Haus ist abgedeckt. Überall versuchen die Menschen, das offene Dach wenigstens provisorisch zu umhüllen. Bevor es dunkel wird. Und bevor der vorhergesagte Regen kommt.

Am schlimmsten hat es die Sarcones erwischt. Die Feuerwehr hat die Reste ihres Hauses als unbewohnbar erklärt. Einsturzgefahr. Dieses Schicksal teilen sie mit weiteren elf Familien aus dem Landkreis Aichach-Friedberg. Nach Angaben der Feuerwehr wurden in den Landkreisen Aichach-Friedberg und Augsburg insgesamt 178 Gebäude beschädigt. Neben den zwölf unbewohnbaren Häusern sind weitere 33 zumindest teilweise einsturzgefährdet. "Wir hatten großes Glück, dass es nur acht leicht Verletzte gab", sagt Landrat Klaus Metzger (CSU). "Wenn man sieht, wie Dachplatten in Hauswänden stecken, müssen wir dem Herrn danken, dass nicht mehr passiert ist."

Bäume, die in sich verschraubt sind

Metzger lässt keinen Zweifel, dass es ein Tornado war, der über seinen Landkreis gefegt ist. Er hat das Schadensgebiet mit einem Hubschrauber überflogen. "Wir haben Bäume gesehen, die in sich verschraubt waren", berichtet er, "es ist eindeutig, dass der Wind nicht nur aus einer Richtung kam." Links und rechts der etwa 100 bis 200 Meter breiten Schneise gebe es kaum Schäden. Und am Ende der Spur, die sich von Stettenhofen bis Affing zieht, lägen zahlreiche Trümmer herum, obwohl es in der Nähe kaum Schäden gebe. "Hier wurden offenbar Teile in die Luft geschleudert und mitgetragen", sagt Metzger. "Und als sich die Windhose abschwächte, landeten die Sachen auf dem Boden."

Metzger berichtet auch von einem Stahlträger, der in der Realschule Aichach abgerissen und in die Aula geschleudert wurde. "Da steckt er jetzt wie ein Kunstwerk schräg im Beton", sagt der Landrat. "Stellen Sie sich vor, da wäre Unterricht gewesen." An Schule ist dort erst einmal ohnehin nicht zu denken. Das Dach ist abgedeckt, es wird wohl bis nächste Woche dauern, bis normaler Schulbetrieb möglich ist.

"Da ist schon die Kinderschaukel in die Scheibe eingeschlagen"

Vincenzo Sarcone ist ebenfalls überzeugt, Opfer eines Tornados zu sein. "Da oben in der Wiese liegt ein Audi A6, der stand gestern noch hier in der Straße." Wenige Meter weiter steht ein Kleintransporter. Totalschaden. "Der lag auf dem Dach", sagt Sarcone. Der Tornado sei aus dem Nichts gekommen. "Wir haben Fußball geschaut, es war zehn Minuten vor Schluss", erzählt der 30-jährige Vater zweier Söhne. "Auf einmal fing es an zu regnen, dann kam ein starker Wind." Er habe die Jalousien hochgefahren, um rauszuschauen. "Da ist schon die Kinderschaukel in die Scheibe eingeschlagen." Das Ganze habe nur eine Viertelstunde gedauert.

Es war eine lange Viertelstunde. "Wir haben keinen Keller, ich habe mich nur auf meinen Sohn geworfen, um ihn zu schützen." Als alles vorbei war, fuhren sie zu seinen Schwiegereltern ins Nachbardorf. Dort werden sie die nächste Zeit Unterschlupf finden. Und langfristig? "Wir wissen es nicht." Das Haus muss womöglich abgerissen werden.

Im Chaos der Aufräumarbeiten

Unten, im alten Ortskern von Affing, der etwa 300 Meter entfernt und etwas tiefer liegt, gibt es keine Schäden. Der Kirchturm und der Maibaum sind absolut unversehrt. Oben, im Chaos der Aufräumarbeiten, laufen Mädchen umher. In Kisten bieten sie Semmeln und Obst an. Ein Lkw nach dem anderen fährt heran, um den Schutt wegzukarren. Das Landratsamt bittet per Pressemitteilung um freiwillige Helfer. Sie sollen mit Handschuhen zum Sportplatz kommen. Bürgermeister Markus Winklhofer hat die Nacht durchgewacht. Mit signalroter Weste und bleichem Gesicht lobt er den Zusammenhalt der Leute und die Organisation des Landratsamtes und der Hilfsorganisationen. Obwohl Feiertag ist, haben die Helfer in Baumärkten Abdeckfolien organisiert. "Wir hoffen, dass das Material reicht - und die Zeit", sagt Landrat Metzger.

Der Sturm zog nach Oberbayern weiter und richtet auch dort massive Schäden an: In Neufahrn (Kreis Freising) stürzte ein Baukran auf das Dach eines Hauses. Sein 25 Meter langer Ausleger fiel auf die Straße und beschädigte mehrere Autos. Geschätzter Schaden: 200 000 Euro. In den Kreisen Fürstenfeldbruck und Dachau gab es Verkehrsbehinderungen wegen umgestürzter Bäume. Menschen wurden nicht verletzt.

Wie hoch der Schaden in Affing ist, war am Donnerstag noch nicht absehbar. "Man sieht so was immer nur im Fernsehen aus den USA", sagt Vincenzo Sarcone. "Wahnsinn, dass das bei uns möglich ist, das wird immer mehr." In Affing wird so schnell keiner mehr am Klimawandel zweifeln.

© SZ vom 15.05.2015/sim
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