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Unterkunft in Mühldorf:Flüchtlinge ziehen in ehemalige Tabledance-Bar

Früher tanzten hier leicht bekleidete Frauen, nun ziehen Flüchtlinge in die Disco "Dolls" am Stadtrand von Mühldorf. Wenn die neuen Bewohner duschen wollen, müssen sie aber erst einmal den Bus nehmen.

Von Heiner Effern, Frank Müller und Katja Auer, Mühldorf

Als die ersten Asylbewerber am Samstag ins Dolls einzogen, waren die Vormieter gerade zwei Wochen weg. Wo vormals leicht bekleidete Frauen tanzten, leben nun Flüchtlinge. Angesichts der überfüllten Erstaufnahmelager müssen sie damit rechnen, in ungewöhnlichen Not-Unterkünften wie ehemaligen Kasernengaragen (München) oder einem Zeltlager in einem Schwimmbad (Erlangen) zu landen.

Die frühere Table-Dance Bar dürfte jedoch bisher einzigartig sein. Sie liegt in einem Party-Komplex am Stadtrand von Mühldorf, der seit etwa zwei Jahren weitgehend leer stand. Mit einer gewaltigen Anstrengung richteten dort das Landratsamt und Sozialverbände am Wochenende eine Notunterkunft mit 200 Feldbetten ein.

"Wir rechnen damit, dass wir diese Plätze im Laufe der kommenden Tage füllen werden", sagte der Mühldorfer Landrat Georg Huber. 114 Flüchtlinge trafen laut Regierung von Oberbayern bis Montag im sogenannten Kingdom Parc ein.

Spontan-Aktion in Mühldorf

Mit der Spontan-Aktion in Mühldorf und weiteren 152 zusätzlichen Plätzen für neu ankommende Flüchtlinge in Landshut und Thyrnau (Niederbayern) konnte die Regierung von Oberbayern am Wochenende die Schließung ihres Erstaufnahmelagers in München auffangen. Dort werden derzeit wegen Überfüllung keine Asylbewerber mehr aufgenommen.

"Ich denke die Lage hat sich etwas entspannt, aber es gibt noch viel zu tun", sagte Ministerpräsident Horst Seehofer am Montag. Denn das Aufatmen am Wochenende hatte auch mit einem Ereignis zu tun, auf das die Politik keinen Einfluss hat: Wegen des Lokführerstreiks fielen viele Züge aus, mit denen Flüchtlinge sonst in München ankommen.

In den Außenstellen des ebenfalls überfüllten Erstaufnahmelagers in Zirndorf müssen dagegen immer noch Flüchtlinge in Zelten schlafen. In Zirndorf selbst waren am Montag nach Angaben der Regierung von Mittelfranken 110 Menschen so untergebracht. Auch im Freibad West in Erlangen leben noch 240 Menschen im Zelt. Sie sollen aber Anfang nächster Woche in eine Halle umziehen. Das große Festzelt auf der Deutschherrenwiese in Nürnberg ist mit 240 Personen stark belegt. Diese Unterkunft gilt als absolute Notlösung, wie lange sie noch genutzt werden muss, ist unklar. "Wir arbeiten aber mit Hochdruck daran, die Zelte vor der kalten Jahreszeit zu deaktivieren", teilte eine Sprecherin mit.

Krisenstab am Dienstagnachmittag

Am Dienstagnachmittag will Seehofer den Krisenstab, der von Staatskanzleichef Marcel Huber und Sozialministerin Emilia Müller geleitet wird, besuchen. Es sei nun an der Zeit, "dass ich mir selbst ein Bild mache", sagte er. Auch die Vorbereitungen für mögliche zusätzliche Schwierigkeiten in den Wintermonaten gingen voran. Der Plan, in jedem Landkreis 200 Notfallplätze einzurichten, sei "eine gute Idee von Marcel Huber", sagte der Ministerpräsident: "Das ist alles jetzt sehr perfekt."

Der Krisenstab hat sich zudem vorgenommen, einen weiteren Engpass in der Asylpolitik anzugehen: die Aufnahme und Betreuung von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Diese müssen im Gegensatz zu Erwachsenen zuerst vom Jugendamt jenes Landkreises versorgt werden, in dem sie erstmals mit Behörden in Kontakt kommen. Das führt zu enormen Belastungen beispielsweise in Rosenheim und München, weil diese an der Hauptfluchtroute aus dem Süden liegen. "Die Situation in den betroffenen Kommunen duldet keinen weiteren Aufschub", sagt Sozialministerin Müller.

Mindestens 3000 minderjährige Flüchtlinge 2014

Der Krisenstab rechnet damit, dass im Jahr 2014 mindestens 3000 Minderjährige nach Bayern kommen, das sind fünf Mal mehr als 2013. Deshalb sollen sie schneller auf kreisfreie Städte und Landkreise verteilt werden. Diese müssten für die jungen Flüchtlinge eine intensive Betreuung organisieren, sagte Huber. "Die Jugendlichen sind zwar zum Teil traumatisiert, sie sind jedoch auch hoch motiviert. Sie wollen unsere Sprache lernen, zur Schule gehen und einen Beruf erlernen."

In Mühldorf versuchen die Behörden, erst einmal die regulären Flüchtlinge zu versorgen. Noch müssen sie mit Bussen zum Duschen in eine Turnhalle gefahren werden, weil zwar ausreichend Toiletten, aber keine Bäder zur Verfügung stehen. Eigentümerin Susanne Straubinger-Meiller kann sich eine längere Vermietung vorstellen. Der Parc sei fünf Hektar groß, und die drei Discos seien noch gar nicht belegt. In der größten von ihnen sollen bis zu 3000 Gäste getanzt haben.

© SZ vom 21.10.2014 / heff, fmue, kaa/lime

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