Unterhaltung:Mit Humor durch die stade Corona-Zeit

Unterhaltung: Ein Türchen für jeden Künstler - und mehr als 24 - hat der digitale Adventskalender aus Franken.

Ein Türchen für jeden Künstler - und mehr als 24 - hat der digitale Adventskalender aus Franken.

(Foto: privat)

Fränkische Kabarettisten wollen mit einem virtuellen Adventskalender ihre leeren Kassen aufbessern und bei den Nutzern die Laune heben

Von Dietrich Mittler

Oliver Tissot, Kabarettist aus Nürnberg und Erfinder des Witze-Automaten, dementiert heftigst: Nein, eine Erfindungsmaschine habe er noch nicht erfunden. Dass stetig neue Geschäftsmodelle aus seinem Mund heraussprudeln, habe einen ganz profanen Hintergrund: "Ich bin einfach geil auf Probleme", sagt er. Und: "Wenn so ein Problem auftaucht, springt immer sofort mein Gehirn an und sucht nach Lösungen." Nun haben Künstler wie er in Corona-Zeiten gerade große Probleme: abendfüllende Kabarettprogramme, Weihnachtsfeiern oder Jahresendveranstaltungen - alles abgesagt. Die Miete oder das Mittagessen wollen aber trotzdem bezahlt werden. Und da sprang eben mal wieder Tissots Gehirn an. Herausgekommen ist dabei Folgendes: "Einen virtuellen Adventskalender zu basteln", um jeden Tag ein Spaß-Türchen öffnen zu können.

Botschaft nach außen: "Frankens Kabarettisten, Comedians und Spaßexperten möchten damit fröhliche Stimmung in der Vorweihnachtszeit verbreiten, damit den Fans in Lockdown-Zeiten das Lachen nicht vergeht." Insgesamt ist dabei ein mehr als zweistündiges Programm entstanden, das sich Abonnenten Fensterchen für Fensterchen unter www.Humor-Adventskalender.de erschließt. Der Eintritt kostet 25 Euro. Späteinsteiger, die im normalen Theater erst in der Pause eintreten dürften, haben es im Internet leichter: Sie können sich auch die Kurzvorführungen der zurückliegenden Tage ansehen.

Medizinisch gesehen, so betont Tissot, sei dieses Angebot der 24 fränkischen Künstler von hohem Nutzwert: "Sobald ein Mensch lacht, vermehren sich im Körper die virentötenden T-Zellen. Es gibt also nichts Besseres in Pandemie-Zeiten, als viel zu lachen." Gilt das auch für Humoristen und Kabarettisten? Zunächst einmal muss Tissot bei dieser Frage einräumen, dass er noch keinen T-Zellen-Test gemacht hat. Aber seine Überlebensstrategie sei die, zu erkennen, "dass der Umgang mit den Widrigkeiten des Lebens leichter und schöner ist, wenn man diesem Leben auch etwas Lustiges abgewinnt".

Aber ja, sagt er dann, die Künstler seien schon "ein bissel verzweifelt". Wenn man Ursachenforschung betreibt, heißt das etwa im Fall Tissot: "Im November null Einnahmen." Er sagt: "Seitdem ich arbeite, also seit gut 30 Jahren, war ich noch nie in einer solchen Situation."

In dieser wenig Mut machenden Lage kam der Lichtblick: "Hilfe zur Selbsthilfe", sagte sich Tissot und stieß darauf, dass sich ein Konferenz-Portal doch auch dazu nutzen ließe, einen digitalen Adventskalender unter die Leute zu bringen. Da dieses Portal in Dänemark entwickelt wurde, ist auch das Bezahlsystem - wie im echten Kabarett - ein spaßiges, denn es wird über eine dänische Bank abgewickelt. "Beim Bezahlvorgang erscheint dann unten eine Zeile auf Dänisch", sagt Tissot. Knapp über 500 Mitmenschen, so der Kabarettist weiter, hätten sich bislang davon aber nicht abschrecken lassen. Manche hätten aus Solidarität sogar mehr als 25 Euro überwiesen.

Nun wäre es ja wirklich gemein, bereits jetzt zu verraten, was sich hinter den Türchen verbirgt. Fangen wir also mal an: Sebastian Reich zum Beispiel, der mal Bäcker war, doch erst durch seine Faschingsauftritte in Veitshöchheim bekannt wurde, er backt mit seiner Amanda (vorlautes Nilpferd) Weihnachtsplätzchen. Das Totale Bamberger Cabaret TBC wiederum präsentiert einen Christkindlesmonolog auf dem Balkon. "Wenn schon das Original Nürnberger Christkind nicht leibhaftig am Hauptmarkt zu sehen war", sagt Tissot und kann sich die Bemerkung nicht verkneifen, dass der Begriff "Lockdown" (siehe die üppige Perücke des Christkinds) nun eine völlig neue Bedeutung erhalte.

Nun aber das Besondere: Während klassische Adventskalender am 24. Dezember abrupt aufhören, geht der digitale weiter bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag. Tissot etwa wird am 25. Dezember darüber sinnieren, was man - des lieben Friedens willen - an Weihnachten eigentlich hätte schenken können.

© SZ vom 04.12.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB