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Untergetauchter Neonazi aus Nürnberg:Verschollen im braunen Sumpf

Seine Hasstiraden gegen Juden, Ausländer und den Staat brachten Gerhard Ittner auf die Anklagebank. Doch eines Tages erschien er einfach nicht mehr vor Gericht. Seit 2005 ist der Nürnberger Neonazi untergetaucht. Nach der Entdeckung der Terrorzelle von Zwickau interessiert sich plötzlich auch der Bundestag brennend für ihn. Gab es womöglich sogar Kontakte?

Jan Bielicki

Zum 18. Prozesstag vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth war der Angeklagte nicht erschienen. "Unentschuldigt", wie der Vorsitzende Richter feststellte. Seit jenem Dienstag nach Ostern 2005 ist Gerhard Ittner verschwunden und wird per Haftbefehl gesucht. "Wir wüssten auch gerne, wo er ist", heißt es bei der Nürnberger Staatsanwaltschaft, und dieses Interesse dürfte sich seit der Entdeckung der rechtsextremistischen Terrorzelle von Zwickau noch gesteigert haben.

Neonazi Gerhard Ittner vor Gericht, 2004

Ende 2004 erschien Gerhard Ittner noch im Nürnberger Landgericht.

(Foto: dpa/dpaweb)

Denn Ittner, zum Zeitpunkt seines Verschwindens 46 Jahre alt, ist nicht nur untergetaucht, sondern auch Neonazi. Seine Hasstiraden gegen Juden, Ausländer und den Staat hatten den Mann, der sich selber als "Nationalsozialist" bezeichnete, auf die Anklagebank gebracht. Noch im Gerichtssaal drohte er einer Staatsanwältin die Todesstrafe "wegen Hochverrats" an. Wegen Volksverhetzung, Verunglimpfung von Verfassungsorganen, Beschimpfung von Religionsgemeinschaften und Beleidigung verurteilte das Gericht den Flüchtigen schließlich in Abwesenheit zu 33 Monaten Gefängnis.

Seither gibt es keine Spur mehr von Nürnbergs einst führendem Neonazi, außer ein paar angeblich von ihm verfasste Pamphlete in rechtsextremen Internet-Foren, wonach sich der Autor mal im "politischen Exil im Iran" verortet und ein andermal beklagt, dass "der jüdische Einfluss" sich "auch hierher" nach Argentinien erstrecke.

Nun interessiert sich sogar der Bundestag brennend für Fälle wie den des Gerhard Ittner. "Gibt es noch andere Rechtsextremisten, die per Haftbefehl gesucht werden, aber nicht zu finden sind?", wollte etwa Wolfgang Bosbach (CDU) am Montag von den in den Innenausschuss zitierten Spitzen der deutschen Sicherheitsbehörden wissen. "Das kann ich im Moment nicht verbindlich sagen", antwortete Heinz Fromm, der oberste Verfassungsschützer des Bundes.

Der Name Ittner fiel keinem der Befragten ein. Dabei haben die Serientäter gerade in Nürnberg blutige Spuren hinterlassen. Drei ihrer zehn Morde begingen sie in der fränkischen Metropole. Eine Kopie der Selbstbezichtigungs-DVD der Terroristen fand sich in der Hauspost der örtlichen Nürnberger Nachrichten - und zwar unfrankiert, also nicht mit der Post versandt. Die DVD zeigt zudem mehrere Ausrisse von Artikeln über die Morde, die in der Nürnberger Tageszeitung erschienen waren. Könnte es also Beziehungen geben zwischen den Mördern und der fränkischen Neonazi-Szene?

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