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Unterammergau:Für die einen ein rostiger Phallus, für die anderen Kunst

32,4 Meter hoch ist die Klang- und Raumskulptur "Sichtung III", und das ist dem einen oder anderen in Unterammergau einfach zuviel Stahl.

(Foto: MSE Kunsthalle)

Ein 32 Meter hohes Kunstwerk, das sogar den Kirchturm überragt, bringt Unterammergau in Wallung.

Von Matthias Köpf, Unterammergau

70 Tonnen Stahl können ihren ganz eigenen Klang entfalten, und zugleich klingen sie nach ziemlich viel für einen "fliegenden Bau". Doch rein rechtlich ist ein fliegender Bau als zerlegbares Bauwerk definiert, das an wechselnden Orten aufgestellt werden soll. Und genau so ist das mit der "Sichtung" ja gedacht, einer begehbaren Raum- und Klangskulptur von Hildegard Rasthofer und Christian Neumaier. Sie stand erst bei Reithofen im Erdinger Land und im vergangenen Sommer im Münchner Kreativquartier.

Im Herbst wechselte sie - fortlaufend nummeriert als "Sichtung III" - nach Unterammergau, wo sich der Unternehmer und Kunstsammler Christian Zott seiner alten Heimat zugewandt und das Dorf mit einem modern-alpinen Ensemble aus Hotel, Restaurant und Kunsthalle aufgemöbelt hat. Inzwischen will Zott dort auch der "Sichtung" eine Heimat geben, doch ein Werk dieser Größe unterliegt nicht nur Geschmacksfragen, sondern auch dem Baurecht. Beides wird im Bürgerentscheid eine Rolle spielen, der sich wegen des Werks in Unterammergau anbahnt.

Ursprünglich hatte der Gemeinderat zur Sichtung nicht viel zu sagen, denn einen fliegenden Bau muss allein das Landratsamt in Garmisch genehmigen - zunächst für drei Monate ab Eröffnung der Kunsthalle und dann einmalig verlängert bis Mitte April. Seither steht das Werk streng genommen als Schwarzbau im Ort. Der Gemeinderat hat eine Baugenehmigung abgelehnt, schon weil die Sichtung mit ihrer Höhe von 32,4 Metern weit über die Festsetzungen des Bebauungsplans hinausragt - und wohl auch ein Stück über den Kirchturm, der zwar um knapp vier Meter höher ist, aber tiefer steht.

Doch ehe die Räte überhaupt über den Bauantrag abstimmen konnten, lag schon Zotts Antrag auf Änderung des Bebauungsplans im Rathaus, und bevor sie nun auch diese Änderung mit großer Mehrheit abgelehnt haben, hatte Zott schon Unterschriften für ein Bürgerbegehren eingereicht. Da kommt es vielen Räten so vor, als treibe Zott, der mit der weltweiten Optimierung von Logistikketten zu seinem Vermögen gekommen ist, sie da ziemlich vor sich her. Der neu gewählte Bürgermeister Robert Stumpfecker sah sich genötigt, das Thema gleich in der konstituierenden Sitzung des Gemeinderats zu behandeln, damit der Bau nicht durch pures Verstreichen der Frist als genehmigt galt.

Sein Vorgänger Michael Gansler hatte mit seiner Baufirma das Fundament für die Sichtung betoniert, ohne die Räte einzuweihen, was die Stimmung auch nicht besser macht. Dazu kommen eben Geschmacksfragen, denn die 13 miteinander verschraubten und innen mit Treppen versehenen Etagen der "Sichtung" sind aus Cortenstahl gefertigt, der schnell eine in vielen Nuancen changierende Patina aus Rost annimmt. Einigen Unterammergauern stellt sich das Werk so vor allem als rostiges Trumm dar, andere sehen sich an einen Phallus erinnert, manche beides.

Solche Diskussionen fände Andreas Klement als Leiter von Zotts Kunsthalle erklärtermaßen gut, weil sie sich als Auseinandersetzung mit dem Werk begreifen lassen. Er habe aber auch den Eindruck, dass man da in viel ältere Konflikte hineingeraten sei. Klement stellt klar, dass die in kurzer Zeit demontierbare Sichtung weiterhin wandern soll, als nächstes wohl ins ehemalige Konzentrationslager Flossenbürg in der Oberpfalz. Von solchen Stationen solle sie aber immer wieder nach Unterammergau zurückkehren können.

Bürgermeister Stumpfecker müsste sie persönlich "nicht unbedingt" im Ort stehen haben, nennt sie seit einem Gespräch mit den Künstlern aber nicht mehr "Aussichtsturm, denn man müsse ja offenbar Kunstwerk dazu sagen - oder "Kunschtwerk", wie das in Ammergauer Mundart klingt. Die Unterschriften für die Sichtung seien wohl mehr als die nötigen 130 für einen Bürgerentscheid nach den Sommerferien. Und Unterschriften dagegen gibt es auch schon.

© SZ vom 06.06.2020/lfr

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