Ungewohnte Allianz:Bei Anpfiff Kunst

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Ungewohnte Allianz: So etwa könnte es aussehen beim nächsten Clubspiel, nur viel imposanter, verspricht die Künstlerin. Montage: Dagmar Buhr

So etwa könnte es aussehen beim nächsten Clubspiel, nur viel imposanter, verspricht die Künstlerin. Montage: Dagmar Buhr

Das Stadion des 1. FC Nürnberg wird Spielort für verschiedene Künstler. Damit will der Club die Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2025 unterstützen

Von Olaf Przybilla, Nürnberg

Der Club will nun auch die Kulturhauptstadtbewerbung Nürnbergs unterstützen. Und es hätte schlechtere Termine gegeben, das Projekt vorzustellen, als diesen Dienstag. Morgens konnte man im Live-Stream verfolgen, wie sich die Stadt bei der Vorstellung der insgesamt acht Kandidaten in Berlin schlägt, der Auftritt Nürnbergs bot zumindest keinen Anlass für zügellose fränkische Schwarzmalerei. Und am Vorabend hatte der Club einen Vier-zu-null-Auswärtssieg gelandet - ein Ereignis, an das sich selbst Veteranen unter den Clubberern nicht auf Anhieb zu erinnern vermögen. Wäre es anders gekommen, hätte der Stuhl von Club-Aufsichtsratschef Thomas Grethlein leer bleiben müssen, sagt Manfred Rothenberger, einer der beiden Kuratoren. Ein Witz, schon klar. Die Club-Pressesprecherin aber sieht trotzdem Bedarf, das richtigzustellen.

Der Club und die Kunst also. Das ist einerseits ein alter Hut. Man muss an dieser Stelle selbstredend an Peter Handkes Gedicht "Die Aufstellung des 1. FC Nürnberg vom 27. 1. 1968" erinnern, das nun auch schon mehr als 50 Jahre Geschichte ist, aber nichts von seiner prägnanten Eleganz eingebüßt hat. "WABRA / LEUPOLD POPP / LUDWIG MÜLLER WENAUER BLANKENBURG / STAREK STREHL BRUNGS HEINZ MÜLLER VOLKERT". Der Club ist also längst in die Historie der Künste eingegangen, wenn auch die Debatte wohl nie abflauen dürfte, ob es ein Makel oder vielmehr artifizieller Kunstgriff Handkes war, hinten links fälschlicherweise Horst Leupold anstatt des tatsächlich in der Anfangsformation aufgebotenen Helmut Hilpert in seinem Poem einlaufen zu lassen.

Sei es, wie es sei - 50 Jahre danach sollen die Künste und der Club nun wieder zusammengeführt werden. Ehe das geschieht, darf womöglich vorab die Kulturreferentin der Stadt, Julia Lehner, eingeführt werden, die sich noch relativ lebhaft an den letzten Versuch erinnern kann, Fußball und Kunst in Nürnberg irgendwie gemeinsame Sache machen zu lassen. 2006 war das, die Stadt feierte sich als einen der Ausrichtungsorte der Fußball-WM und der Künstler Olaf Metzel fand es im Rahmenprogramm angemessen, den Schönen Brunnen mit einem Stadionstuhlturm zu verhüllen. Seither weiß man, wie eine Revolte in Franken aussehen könnte.

Lehner bietet Club-Chef Grethlein deshalb schon mal freundliche Unterstützung in Krisenintervention an, man habe da hinreichend Erfahrung. Grethlein pariert das, indem er darauf hinweist, höchstselbst Augenzeuge eines Polizeieinsatzes am sogenannten Stuhlturm geworden zu sein. Er beobachtete damals, wie ein empörter Herr sich mit einer Zange am Zaun vor dem Turm zu schaffen machte und nebenbei zum Sturm auf die Kunst mobilisierte.

Grethlein, promovierter Philosoph, weiß also, was er tut. Umso bemerkenswerter darf man die Kunst-Interventionen nennen, die nun geplant sind. Am Sonntag beim Heimspiel des Club gegen St. Pauli macht die Künstlerin Dagmar Buhr den Anfang. Sie gibt zu erkennen, mit Fußball wenig am Hut, die vergangenen Wochen aber im Stadion verbracht zu haben. Fußball interessierte sie dabei weniger, umso mehr das Geschäft. Es soll wenig verraten werden vorab, aber dass dieses Werk ihr "größtes und flüchtigstes" sein wird, das kündigt sie an. Auch dass sich die Schriftkünstlerin, die viel mit Leuchtschriften arbeitet, sich die Werbebande als Medium ausgeschaut hat, darf man schon wissen. Es dürfte wohl um den Jargon der Branche gehen, diesen speziellen Kapitalismus-Slang, bei dem Menschen "verkauft" oder nur "verliehen" werden. Ob das mehrheitsfähig ist im Stadion, wird sich zeigen. Fußballkommentatoren würden wohl sagen: Da geht eine dahin, wo es wehtut.

Ähnliches hat Winfried Baumann vor, ein weiterer der insgesamt vier Künstler. Im März bietet er als Dienstleister in der Stadionkurve einen "Emotionsregulator" an. Auch mutig. Nürnbergs OB Ulrich Maly glaubt schon, den perfekten Abnehmer gefunden zu haben. "Uli Hoeneß als Proband", schlägt er vor.

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